'■'■'"•:.-
167
^H
ihuen und dem über ein Jahr später (am 2. Juli 1516) *) gefälltenpäpstlichen Urteilsspruch wird sich wohl nicht nachweisen lassen; alleindas „Mandatum de supersedendo", das nach der gerade wegen derreuchlinfeindlichen Majorität doppelt günstigen Kommissionsabstimmungdoch ein recht mattes Kompromiss darstellt, entspricht durchaus dem,was Erasmus gewollt: nicht sowohl ausdrücklichen Sieg Reuchlins, alsBeruhigung der Parteien — und, fügen wir hinzu, Ruhe für ihn selbst.Doch der Papst kannte ohne Zweifel den Brief an Grimani und damitdie öffentliche Meinung Deutschlands: warum sollte er einen mächtigenOrden vor den Kopf stossen, wenn die Reuchlinistenpartei gar nichtmehr erwartete und wünschte, als schlichten Frieden? Liesse sich einderartiger Einfluss des Erasmus auf die Curie nachweisen, so hättenseine Briefe eher hemmend als fördernd gewirkt.
Förderlich waren sie indes für ihn selbst, und ihre Wirkung mussin der Umgebung des Papstes von andern unterstützt worden sein; dennnur von diesen kann Leo erfahren haben, dass Erasmus, wie er inseiner Antwort (ep. 178) sagt, auch das Neue Testament bearbeitet hat,während Erasmus nur den Hieronymus nennt und die andern Arbeitensummarisch abthut. Dem Einflüsse dieser Freunde am päpstlichen Hofe,unter denen wir später Silvester Giglis, den Bischof von Worcester undenglischen Gesandten in Rom, kennen lernen werden, verdankte er viel-leicht auch die wohlwollende Antwort Leo's vom 10. Juli 1515 (ep.178), worin er die Befriedigung über die Anerkennung seiner kirchen-politischen Bestrebungen ausdrückt und ihm bei gegebener Gelegenheitseine Dienstwilligkeit verspricht. An demselben Tage empfahl er ihn,aus freien Stücken, wie er selbst sagt, dem Wohlwollen Heinrichs VIII.(ep. 179). Zu gleicher Zeit (am 18. Juli, ep. 180) antwortete auchder Kardinal Riario, der ihn dringend nach Rom einlud. Erst nachvielen Irrfahrten erreichte der päpstliche Brief Erasmus im Sommer1516; den von Riario hatte er im April 1518 noch nicht erhalten,ein anderer von Grimani ging gänzlich verloren 2 ). Er verbreitete alsoseine eigenen durch den Druck, ehe er noch von den Antworten Kenntniserhielt.
Inzwischen hatte in London auch Wolsey des Gelehrten gedacht;
3 ) Vgl. Strauss, Hütten I, 213 f.; Geiger, Reuchlin, S. 319.
2 ) ep. 315; vgl. unten S. 182f. — Beiläufig: der Brief Geräander's anReuchlin (R.'s Briefwechsel, ed. Geiger, No. CCXX), worin er von dem Kar-dinal (wohl Grimani) sagt: „Habuit nuper litteras ab Erasmo Roterodamo,"gehört in den Juni 1515, nicht 1516.
:v< :
n
■Hl