Druckschrift 
Der deutsche Staat : Verfassung, Macht u. Grenzen 919 - 1914
Seite
442
Einzelbild herunterladen
 

müsse. Wenn Frankreich die deutsche Frage aufrollte, so hieß das,die Sympathien der Süddeutschen für Österreich vernichten und dieUngarn schwierig machen, sie Preußen in die Arme treiben. DerIrrtum Gramonts, daß er das österreichische Bündnis als Perfektansah oder es doch als moralisch sicher einschätzte, war verhängnis-voll. Er begnügte sich nicht mit dem tatsächlich großen Erfolge,der ihm zufallen sollte, sondern trieb die Sache weiter.

Seine Nede, die er am 6. Juli im gesetzgebenden Körper hielt,war im Ministerrate unter dem Vorsitze des Kaisers genau festgelegt.Die Drohungen gegen Preußen waren so heftig, daß Vismarckkeinen Zweifel daran haben konnte, daß nur die Wahl bliebe: ent-weder schwerste Demütigung Preußens oder einen Krieg. An derKriegsabsicht der leitenden französischen Kreise besteht heute keinZweifel mehr.

Auf den Widerstand Frankreichs hin verzichtete der Vater fürden abwesenden Sohn, den Thronkandidaten. Kühle Naturen hättensich mit dieser zweifellosen Niederlage Vismarcks und der Hohen-zollern zufrieden gegeben und sich begnügt, deren Folgen abzuwarten.Aber Gramont ging mit der maßlos erregten Kammer den gleichenWeg, selbst der Kaiser gab den letzten Gedanken an eine friedlicheLösung auf. Gramont erteilte dem Botschafter Venedetti den Auf-trag, König Wilhelm zu einer ausdrücklichen Billigung des Ver-zichtes und zu der Zusage zu veranlassen, daß er eine neue Kandidaturdes Prinzen nicht genehmigen werde. Ja Gramont regte beimpreußischen Botschafter an, der König solle das in einem Entschul-digungsbriefe an den Kaiser bestätigen. Einem Könige wie einemSchuljungen es aufzugeben, zu schreiben: „Ich will es nicht wiedertun", war eine politische Unmöglichkeit. Entgegen dem dringendenNate Vismarcks, keinerlei Erklärung abzugeben, hatte der KönigVenedetti durch einen Generaladjutanten sagen lassen, daß „er dieVerzichtleistung des Prinzen, die der Vater des Thronkandidatenbereits in Paris bekanntgegeben hatte, in demselben Sinne unddemselben Umfange approbiere, in dem er dies vorher mit der An-nahme dieser Kandidatur getan hätte".

Die darüber an Vismarck gerichtete Depesche des Königs gabdiesem es anheim, die Tatsachen (Forderung Venedettis auf der

442