I. Einleitung
i. Die Aufgabe des Buches und ihre Grenzen
Nicht Geschichte der politischen Ereignisse,nicht des Kaisertums.
Dynamik des deutschen Staates. Wechselnder Staatsbegriff.
Einheitund Vielheit
Dieses Buch stellt sich eine überaus schwierige Aufgabe, die dasernsteste Nachdenken vom Verstände fordert und das ruhigste Urteil.Zugleich bewegt das Thema aufs tiefste unser Gemüt. Wer sichdaran wagt, die Dynamik der Geschichte unseres Staates durch einJahrtausend zu verfolgen, muß die Ursachen unserer Stärke wieunserer Schwäche, unseres Glückes wie unseres Unglückes aufsuchen.Er darf sich nicht den Sinn durch romantische Vorstellungen ver-zaubern, sondern muß den Verstand vorwalten lassen. Die Nankendes Heldentums, der Poesie, des Idealismus dürfen den Grundbauder realen Tatsachen nicht zurückdrängen. Je schwieriger sich dieseerweisen, um so mehr wird der Verlauf unserer Entwicklung sich alsetwas Großes, als etwas Tragisches dartun. Unserem Volke,unserem Staate fiel es zu, das Allergrößte zu erstreben, das dochnicht zu erreichen war. Keinem der europäischen Staaten boten sichso hehre Aufgaben, wie es dem deutschen vom mittelalterlichenKaisertum aus geschah. Bedingungen, Mittel und Gegenkräfte sindzu untersuchen, wie die Rückschläge.
Der Hauptkern wird aber nicht die Geschichte des Kaisertumssein, sondern die Geschichte des engeren Staates, des deutschenReiches. Es liegt mir besonders am Herzen, die Kräfte zuverfolgen, die noch heute direkt oder indirekt unsere Geister beein-flussen. Einheit und Vielheit war von den Tagen des Arminiusbis heute das Kernproblem der Geschichte unseres geliebten Volkes.Ich maße mir es nicht an, der Zukunft die Wege zu weisen, meinVlick ist auf die Vergangenheit gerichtet.
Keine Volksgeschichte ist so verwickelt wie die unserige. Wennsie schon uns selbst so überaus schwierig ist, so ist sie den Ausländern
MM
UM
/n^
AW
MH
B2
Schulte, Veutschei Staat I