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Der deutsche Staat : Verfassung, Macht u. Grenzen 919 - 1914
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kam der Wahrheit wohl am nächsten. Seme Lösung trifft im all-gemeinen für Grafschaften, geteilte und ungeteilte, für weltliche undgeistliche Immunitäten, auch für hohe (Kast)vogteien zu. Aber zurErklärung des Chaos, namentlich in den Altgebieten des Reiches,muß man auch grundherrliche Rechte, Lehen, Vann- und Forst-rechte und anderes hinzuziehen. In vielen Dörfern standen als Kon-kurrenten sich mehrere grundherrliche Höfe oder auch andere Gerecht-same gegenüber. Wem da nach langem Hin und Her der Sieg be-schicken war, das hing von der Kraft und Geschicklichkeit der Parteienab, auch vom Zufall. Manchmal wurde der Streit nicht aus-getragen. Es blieben hie und da bis heute jene Kondominate bestehen,die uns als Kuriositäten anmuten. Die Stadt Natzeburg lag ineinem See, sie gehört heute zu Preußen. Die Nordspitze der Inselaber, die alte Domimmunität, ist zusammen mit dem Vistum anMecklenburg-Strelitz gekommen. Im Dome ist eine Loge für den altenVogt, den Nachfolger des Vistumsgründers Heinrichs des Löwen,sie gehört zu Preußen als Rechtsnachfolger der Herzöge von Sach-sen-Lauenburg. Kurios! Fast noch toller ist die Rechtslage im öst-lichen Allgäu, wo der, der in ein anderes Territorium übersiedelte, seinRecht dauernd beibehielt. Das Reich beteiligte sich an der Schlichtungsolcher Gemengelagen nicht. Einer der örtlichen Gegner beseitigtemeist die Ansprüche des Widerparts durch Klugheit, Kauf, Erb-schaft, Glück oder Gewalt. An vielen Orten blieben aber auch ver-schiedene Besitz-, Gerichts- und Personalrechte nebeneinander be-stehen. Wer heute eine genaue historische Karte jener Zeit zeichnenwill, hat seine liebe Not, diese Verhältnisse auf dem Kartenbildeauszudrücken.

Es dachte dabei niemand an die Einheit des Volkes. Vismarck hateinmal, und das nicht ganz zu Anrecht, gesagt: „Die unbeschränkteStaatssouveränität der Dynastien, der Raubritter, der Reichs-städte und der Reichsdörfer war eine revolutionäre Errungenschaftauf Kosten der Nation." Die Wahlkönige kämpften gegen dieseEntwicklung an, nur waren ihre Arme nicht lang und kräftig genug.Sie waren selbst Landesherren gewesen, und werden es ihre Nach-kommen nicht wieder sein, Landesherren ohne die Königskrone?

Jedes dieser Territorien war weit übersichtlicher als das Reich.

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