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2 (1896) Mittel- und Norddeutschland
Entstehung
Seite
275
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Der Personalkredit im Gebiete der thüringischen Staaten, 275

sich erst sehr spät bewußt, daß das Bestehen solcher Kreditanstaltenunmittelbar auf dem Lande diesem Umsätze vorteilhaftere und geregeltereFormen verleiht. Man arbeitet hier in größtem Umfange und zumgrößten eigenen Schaden mit anderen Kreditformen, soweit man nichtvorzieht und in der Lage ist, größere Kapitalsummen unthätig im Schrankeaufzubewahren, bis man ihrer bedarf.

Die gewöhnlichste Kreditform besteht hier darin, daß man die Be-triebsmittel (Futter- und Düngstoffe ic.) beim Händler entnimmt ohnebares Geld. Dieser Kreditform bedienen sich nicht nur kleine, sondernauch vielfach die größeren Landwirte. Es wird dabei gestundet auf dreiMonate, auf sechs Monate, man läßt aber auch die Beträge von Terminzu Termin sich ansammeln und mitunter jahrelang stehen.

Es ist das eine zwar sehr schmackhafte, bequeme Kreditform, abernatürlich, ohne daß man sogleich an wucherifche Ausbeutung zu denkenbraucht, eine außerordentlich theure und um fo gefährlichere, da derKreditnehmer in den seltensten Fällen sich klar macht, daß ihn dieserKredit überhaupt etwas koste. Zinsen werden in der Regel nicht be-rechnet; wie könnte da der Landwirt einen billigeren Kredit haben? Jawenn nach Jahr und Tag der Händler für noch weitere Stundung Zinfenverlangt, oder energifch auf Zahlung dringt, fo wird ihm das leicht alseine große Rücksichtslosigkeitgegenüber langjährigen Kunden" auf dasKerbholz geschnitten und er hat dann einen Kunden verloren. Ichkönnte einen Fall namhaft machen, in welchem vor längeren Jahren einebedeutende, von den reellsten Grundsätzen geleitete Firma in einer derwohlhabendsten Lagen Thüringens, als sie sich gezwungen sah, Forderungenin großer Zahl beizuziehen, auch gleichzeitig damit in der betreffendenUmgebung unhaltbar geworden war, fo daß sie das Geschäft in andereHände geben mußte.

Mit diefer einzigen Thatsache ist ein unendlich wunder Punkt unseresganzen ländlichen Geschäftslebens, an den man felten denkt, wenn mansich wegen der Übervorteilungen seitens des Handels ereifert, grell, aberwahrheitsgemäß beleuchtet. Unferer landwirtfchaftlichen Bevölkerung fehltnoch zu fehr das kaufmännifche Denken und ein gerechtes Gefühl fürdasjenige, was möglich oder unmöglich ist. Sie ist geneigt, vom Handelzu verlangen, was er nicht leisten kann nämlich reelle Ware zu denbilligsten Preisen ohne Rücksicht auf die nötige Umsatzgeschwindigkeit desGeldes und drängt ihn damit gerade vielfach auf unreelle Bahnen.Hat aber der Handel erst diese Bahn betreten, so wird er auch rücksichtslosihre Vorteile ausbeuten, um so mehr, wenn er die einzelnen Kunden

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