Der Personaltredit des ländl. Kleingrundbesitzes im Regierungsbezirk Kassel. 33
erhalten können und von ihren Privatgläubigern nur noch gehaltenworden, weil diese wissen, daß bei einem Zusammenbruch der grüßteTeil, wenn nicht das gesamte Kapital verloren gehen wird. Diese Privat-gläubiger sind in der weitaus grüßten Mehrzahl mosaischer Konfession,sie schwärmen als Handelsleute Tag sür Tag in ihrem Bezirk von Dorfzu Dorf umher, erfahren alles, wissen alles und halten sich gegenseitigauf dem Laufenden, sind aber gegen andere Leute verschwiegen und geradedas ist der Grund, warum noch so mancher Landwirt lieber zum Handels-mann geht und bei diesem seinen Kredit befriedigt; es soll eben derSchein erweckt weiden, als ob der Landwirt keinen Pfennig Schulden hätte.
Viel häusiger aber werden die Landwirte eingesangen, um erst einmalin ein Rechnungsverhältnis mit ihnen zu kommen; hat der Handelsmannerst ein Geschäft gemacht und der Bauer nicht fest darauf gedrungen undbestanden, daß dasfelbe reinlich abgewickelt ist, ist vielmehr ein solchesRechnungsverhältnis angefangen, dann ist der Anfang vom Ende da;was der Bauer zu verkaufen hat, es mag sein, was es will, nimmt derHandelsmann, die Preise macht er, giebt dem Bauer stets etwas Gelddrauf, nimmt jede auch die kleinste Summe als Abfchlagszahlung undselbstredend versorgt er jenen auch mit allem, was er in seiner Wirt-schaft braucht. Sorgfältig weicht der Handelsmann jeder Abrechnungaus, bis er glaubt, sein Opfer fest genug zu haben, dann kommt erPlötzlich zu einer Zeit, wo er ganz gewiß weiß, daß der Bauer keinGeld hat, mit der Abrechnung, und zu seinem Erstaunen wird diesergewahr, daß er mehr in tausenden schuldet, als wie er Hunderte geschätzthat. Ist es jetzt noch Zeit, so wird er vielleicht eine Kasse in Anspruchnehmen und gerettet, aber nur zu oft ist es entweder schon zu spät odernimmt der Landwirt nicht soviel Geld auf, daß er den Handelsmannganz abschütteln kann; ist an jenem noch etwas zu verdienen, so willletzterer das auch gar nicht, denn nun kann das alte Spiel von neuemlosgehen, bis der Bauer rettungslos verloren ist.
Zahlreich sind die Kniffe, die jene anwenden, um den Bauern, Groß-oder Kleinbauern,'in ihre Netze zu bekommen; am leichtesten gelingt esnatürlich bei plötzlich eingetretenen Unglücksfällen, namentlich bei demPlötzlichen Stürzen eines Stückes Vieh; ferner beherrschen jene die sämt-lichen Märkte der Umgegend und kein fremder Händler wird es wagen,ihnen ihre Kreise zu stören; hilft aber alles nicht, dann wird ein FäßchenBranntwein in den Hausflur gelegt mit der Bitte, es einige Tage auf-zubewahren; äußerst selten wird der Versuchung widerstanden, dasselbeanzuzapfen; kaum ist es geschehen, so ist der Handelsmann da, um es
Schriften d. N, f. Tocialpol, — Personaltiedit. II, 3