344 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.
abgeschlossen mit der Niederlegung der Reliquie in einer steinernen Kistedaselbst 3164—3178; und die Wiedereroberung des heiligen Grabes, dieBride aufgetragen wird 3154—3159 und ihr nach großen Gefahren undLeiden (3206 ff. 3764 ff.) auch gelingt 3852 f.
Mit dem Verlust des Grabes an die Heiden aber ist eine historischeTatsache berührt, die Einnahme Jerusalems durch Saladin a. 1187. Und so: erinnert denn überhaupt die politische Lage im Reich der Bride an die Zu-stände im Königreich Jerusalem zwischen 1180 und 1190: der französischeRitter Guido von Lusignan, der aus dem Abendland (Frankreich) gekommenwar, gewann die Hand der Sibylla, der Schwester Balduins IV., Königs vonJerusalem a. 1183 und wurde von ihr a. 1186 zum König gekrönt. Zu dieserZeit bestand ein friedlicher Verkehr zwischen Christen und Heiden in demLande, viele Große aber, besonders die Templer, waren dem heraufgekomme-nen Fremden feindselig gesinnt. 2 ) Wenn nun die Darstellung des Gedichtesauch nicht eine unmittelbare Poetisierung der geschichtlichen Wirklichkeitist, wenn Or. nicht Guido, Bride nicht Sibylle ist, so gibt doch die Erzählung,in deren Mittelpunkt ein so hervorstechendes Ereignis wie der Verlust desheiligen Grabes steht, ein Abbild der tatsächlichen Verhältnisse, und dieAbenteuer des Spielmannsromans umhüllen Wendungen der Zeitgeschichte,die die ganze Christenheit mächtig bewegten. Jedenfalls haben die Er-findungen des fahrenden Mannes einen bedeutsamen historischen Hinter-grund und die Idee des Gedichtes, der Sieg des Christentums über dasHeidentum, steht in greifbarer geschichtlicher Beleuchtung.
Der Stil des Inhalts und der der Sprache gehören in eineniedere soziale Schicht. Die ganze Auffassung ist volksmäßiger als imOswald. Die Personen stehen der Umgebung des Volkes näher: ein Knecht,Mönchsritter, Abenteurer, der König wird; eine Königin, die wie einMann ficht, ohne Stegreif in den Sattel springt, mit der Stahlstange, derWaffe der Riesen oder gemeinen Soldaten, kämpft und eine weite Straßedurch die Feinde bahnt 2045—2080 und einem Türhüter den Kopf ab-schlägt 3846 f., ein Fischer, der zum Herzog gemacht wird und seiner Fraueinen guten Mantel nach Hause bringt 2223—2248. Auf gesellschaftlicheForm wird nicht wie im Oswald Gewicht gelegt, Prügelszenen sind häufigerals dort, auch in der Hofgesellschaft: die Königin haut ihren Kammerdiener,reißt ihn bei den Haaren zu Boden und tritt ihn mit Füßen 1613 ff., vgl. ferner1481-1493. 1 ) 2439 ff. 2 ) 2611 ff. 2664 ff. 2989 ff. Leidenschaftlich äußern sichdie Gemütsbewegungen: Or. rauft sich in seinem Elend das Haar aus 669,
) Die Szene mit dem Heidenkönig Minold nun zu seinem Willen zwingen, aber sie
enthält die Qrundzüge einer Märtyrerlegende:ein heidnischer Fürst nimmt eine Jungfrau,die sich Gott ergeben hat, gefangen undwirbt um ihre Liebe unter großen Versprech-ungen, aber sie will ihn nur erhören, wenner Christ wird. Durch Marterung will er sie
bleibt Gott treu und erträgt standhaft allePeinigungen 3220—3267, dazu 3616—3619.2 ) E. H. Meyer, ZfdA. 12 u. 37 aaO.;Harkensee S. 63—68; Berger S. LIX-LXI;Beneze S. 1 ff.