§ 83. Orendel. 343
entronnen wäre 1983. Was für ein König mag das sein? fragen seine neuenUntertanen 1978. Einem Fischer, einem rohen Heiden, folgt er willig alsKnecht, aber er befreit das Grab des Erlösers von den Ungläubigen undwird Herr des Landes, wo der Gottessohn wandelte und litt. Es ist wie inder Märchenwelt und ist doch ein. Stück Menschheitsgeschichte: es ist dieverkörperte Idee des Mönchtums, die Weltherrschaft der Weltentsagenden.„Nun schaut, wie er dort her reitet auf meinem hohen Rosse! Er führtnichts anders fürwahr als einen grauen Pilgersrock. 1 ) Er ist ein Kernheld,dieser Mann, vor ihm kann niemand lebendig bestehen" 1275—1280; erist ein schlichter Ritter, nichts anderes hat er an als einen grauen Rock, abererkämpft in unwiderstehlichem Wüten; in Seide und kostbares Pelzwerk sollteer gekleidet sein wie ein König 1108—1118. Er, der einst mißachtete Bettler,ist zum angestaunten Helden geworden. Karl der Große, Roland, Oliviertragen die Züge des christlichen Ritters, Oswald tut mit der Ertötungirdischen Begehrens, mit dem Gelübde der Keuschheit und dem Verzicht aufallen Besitz, den Schritt zur Askese, Orendel endlich ist völlig der mönchi-sche Ritter, er hat eine noch höhere Stufe der Selbstentsagung erreicht,von der Demut vor Gott ist er zur Erniedrigung vor den Menschen gelangt.Eine viel kräftigere Persönlichkeit als Orendel ist seine Frau, die Königinvon Jerusalem, die Heldin des Gedichtes und die Trägerin der Handlungim 2. Teile, frouwe Bride, die schoznste ob allen wiben 220 f. u. ö. Auchihr Tun ist begründet in frommer Gläubigkeit; weiß sie ihren Gatten inGefahr, so bittet sie den himmlischen Herrn um Hilfe für ihn 1750 ff. 1890 ff.2041 ff. 2375 ff.; um Schutz ihrer bedrohten Ehre 3264 ff.; an geweihterStätte vor dem Grab des Herrn verrichtet sie ihr Gebet 1750 ff. 1890 ff.3779 ff., aber ihr Glaube ist der eines naiven Kindes: wenn Gott nicht hilft,so droht sie mit der Zerstörung seines Heiligtums 2375 ff. Sie ist keineasketisch veranlagte Natur, sie entsagt nicht der weltlichen Ehre, sie hatouch weltlichen ruom 217, sie bleibt in aller Demut die königliche Frau,entschlossen und lebensmutig baut sie ihr Geschick, sie wählt sich selbstden Mann, dem sie hold ist, und nimmt ihn trotz seiner Armut zum Gatten,da sie in ihm den geeigneten Schützer ihres Landes erkennt; 2 ) sie ist ihmtreu in allen Anfechtungen, sie könnte ihr Leben retten, wenn sie die Wer-bung eines großen Heidenherrschers annähme, aber sie läßt sich lieber imKerker geißeln, daß ihr das rote Blut über den Leib rinnt, ehe sie den Mannaufgibt, den sie zuerst auf Erden lieb gewann 3220—3267. 3584—3619.In glänzender Rüstung sprengt sie ins Schlachtgetümmel, sie kämpft anseiner Seite und rettet ihm das Leben 2039 ff. (vgl. 3711 ff. 3832), eineHeroine, zugleich Walküre und Märtyrerin. 1 )
Zwei große Aufgaben sind in der Anlage des Gedichtes bedingt, einmaldie Verbringung des grauen Rockes nach Trier: sie fällt Or. zu und ist
*) Einen guoten roc gräwe, guot hat die I Bettler, arme Kranke.Bedeutung wie in „guot man" für Pilger, j 2 ) Vgl. Hartmanns Iwein 1831 ff.