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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 53. Sanct Brandan. 167

Mit den märchenhaften Meeresabenteuern ist der Reiseroman Brandanseine mittelalterliche Odyssee; und auch beide, der griechische Heldund der christliche Mönch (in der Fassung der lat. Legende), schauen aufihren Irrfahrten in der Ferne ein seliges Ziel, jener seine Heimat und seinlangverlassenes Weib, dieser die Gefilde der Wonne. Ein Lied des Heim-wehs ist im Grunde auch die mönchische Odyssee. Der Stil ist nichtgewandt, in den Reimen sieht man oft die Not, die der Dichter mit derSprache hat. Der Satzbau ist parataktisch, formelhaft ist die Sprache nicht.Die Reime haben-mitteldeutsche Eigentümlichkeiten. Sie sind nicht sorg-fältig, doch nicht assonierend. Die Verse sind normal gebaut, aber ohnerhythmisches Gefühl und mit den mitteldeutschen Freiheiten. 1 )

d) Die Heilsmittel.

I. Gebetliteratur. 2 )a) Gebete.

Die Gebete sind die einfachsten Erzeugnisse innerhalb der volkstüm-lich geistlichen Literatur, unmittelbar kommt in ihnen der christliche Glaubeso zur Geltung, wie ihn die Kirche das Volk lehrte, und dessen Stimmungist: Unterdrückung des Lebensgefühls. Darum erkennt sich der Betendeals ein Leidwesen, geplagt von Ängsten, umringt von Feinden und Ge-fahren, und es ist ihm versagt, sich mit eigener Kraft aus diesen Nötenzu retten. Hilfe kann nur durch die göttliche Gnade geschehen. Dazuhat die Kirche die Mittel, die Gnadenmittel, unter denen dem Laien amleichtesten das Gebet sich bietet. Noch schwerer aber als die äußerequälte ihn die innere Drangsal, das Schuldgefühl. Der Mensch ist zer-knirscht von dem Bewußtsein seiner Verworfenheit, verängstigt durch dieFurcht vor dem Teufel, allein die Gnade kann ihn aus diesen Seelenpeinenerretten. Zwischen Sünde und Gnade schwankt das schuldbehaftete Ge-wissen. Aus dem Schuldgefühl sind diese Gebete hervorgegangen, ein-gegeben vom Erlösungsbedürfnis. So ist diese Literaturgattung ein Zeugnisfür die mächtigste Strömung der Zeit, die Askese, und für deren politischeIdee, die Herrschaft des Mönchtums.

Die Bitten, deren Erhörung erfleht wird, sind an Zahl und Inhalt undUmfang verschieden. Es können wenige sein oder auch recht viele, umgeistige oder um materielle Güter. Hinsichtlich des Zwecks können dieBitten gerichtet sein entweder auf Verleihung eines Gutes oder auf Be-freiung von einem Übel. Man bittet um Erhörung des Gebets, um Fürbitte,Gnade, Erbarmen, Trost, Hilfe, um Schutz gegen Feinde, gegen Verleum-dung, 8 ) um Erlösung von Sünden, von Ängsten und Nöten, von der Sünden-

*) Schröder, Gott. Nachr. 1918, 408.

2 ) Texte und Kommentar mit Literatur-angabe bei Wilhelm, Denkmäler deutscherProsa d. 11. u. 12. Jhs., Münch. Texte H. VIII(1914) und dazu Kommentar 2. Hälfte, H. 8

(1918). Allgemeines über das christlicheGebet: Thalhofer, Liturgik 2 u. bes. Friedr.Heiler, Das Gebet, 2. Aufl. München 1920;B. Bardo, Deutsche Gebete, Freiburg 1918.3 ) Diese Klagen stammen aus den Psalmen