EINLEITUNG.Allgemeine Voraussetzungen. 1 )
§ 1. Die geistigen Grundbedingungen.
Die um die Mitte des elften Jahrhunderts in Deutschland wieder ein-setzende Dichtung steht unter völlig veränderten Bedingungen. Eine neueFrömmigkeit war aufgekommen, in welcher der Zwiespalt zwischen Gottund Welt der absolut herrschende Gedanke war. Von kleinen Anfängen anreicht sie allmählich weit in die gesamte Christenheit hinein. Sie hatte ihrenUrsprung in dem Kloster Clugny (bei Macon in Frankreich), das im Jahr 910gegründet wurde und zwar mit dem Zweck, die in der späteren Karolinger-zeit lax gewordene Regel des heiligen Benedikt wieder in ihrer ganzenStrenge zur Geltung zu bringen. Ein asketischer Mönchsgeist ging vonClugny aus, besonders durch die Tätigkeit der Äbte Odo (927—942) undOdilo (994—1048), und verbreitete sich zunächst innerhalb der CluniacenserKongregation. Am Ende des zehnten Jahrhunderts aber war die Kloster-reform in Frankreich allgemein geworden, hatte zunächst in Lothringen festenFuß gefaßt und wurde von da aus nach Deutschland weiter getragen. DerStreit zwischen den fanatischen Sendboten der Weitabtötung und den altenbehaglicheren Klosterbrüdern störte das friedliche Leben in vielen Klöstern(zu St. Gallen, wo die Reform um 1030 von lothringischen Mönchen ein-geführt wurde, vgl. Bd. 1,436) und beschränkte den gelehrten Betrieb, be-sonders die klassischen, auf Grund der septem artes liberales gegründetenStudien. Die alten Sitze der wissenschaftlichen Bildung Fulda, St. Gallen,Reichenau, Freising und andere verloren mit ihrer Schulgelehrsamkeit auchihren Ruhm. Die Reform war der auf dem Klassizismus beruhenden Wissen-schaft des Triviums und Quadriviums, den sieben freien Künsten, geradezufeindlich gesinnt und ganz auf das praktische gottselige Leben gerichtet.Den stärksten Einfluß auf diese asketische Ausbildung des Mönchslebensgewann das Kloster Hirsau. Jedoch nicht nur die Klöster, sondern auchdie Weltgeistlichkeit der Domstifte, die Chorherren, wurden mönchisch reguliert,in Deutschland zuerst in Bamberg von dem Bischof Günther um 1050.
x ) Literatur für Theologie und PhilosophiedesMA.s: Jahresbericht für Theologie; Über-weg-Heinze, Grundr. d. Gesch. d. Philosophie2. Teil 10. Aufl. 1919; Herm. Reuter, Gesch.d. religiösen Aufklärung im MA., 2 Bde. 1875.1877; Herm. Schwarz, Der Gottesgedankein d. Gesch. d. Philosophie, 1. Teil 1913. —Lit.gesch. Spez. für die frühmhd. Zeit: Kelle,LG. Bd. 2; Piper, Die älteste deutsche Lit.bis um d. J. 1050, Nachtr. zur älteren d. Lit.,Die geistl. Dichtung des MA.s, 2 Teile, DieSpielmannsdichtung, 2 Teile; Müllenhoffu. Scherer, Denkm. 3. Ausg. 2 Bde. (MSD.);Scherer, QF1.7. u. 12. In weiterem Umfang:
Uhlands Schriften; Gervinus, Gesch. d. d.Dichtung, 5. Aufl. von Bartsch 1871; Wacker-nagel, LG. 1. Bd., 2. Aufl. von Ernst Martin1879; Kobersteins Grundr. 1 .Bd., 5. Auf 1.1872u. 6.Auf 1.1884 von Bartsch; Goedekes Grundr.l.Bd. 2. Aufl. 1884; Scherer, LG. 1880ff.,14. Aufl. von Edw. Schröder 1920; Golther,Gesch. d. d. Lit. in Kürschners D. National-Lit. Bd. 163, o. J.; Vogt, Gesch. d. mhd Lit.inPaulsGrundr.11,1,2. Aufl. 1906; Golther,Die deutsche Dichtung im MA. 1912; R. M.Meyer, Die deutsche Lit. bis z. Beginn des19. Jahrh. 1916; Vogt, Gesch. d, d. Lit. vonVogt u. Koch, 1. Bd. 4. Aufl. 1919.
Deutsche Literaturgeschichte. IL 1