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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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342 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.

befand sich der ungenähte Rock Christi einst in einer Stadt Galatiens oderPalästinas in einer hölzernen oder marmornen Kiste. Die h. Helena war es, dieihn mit andern Reliquien des Herrn nach Trier sandte. 1 ) Im dortigen Domwurde er, nachdem schon in der 2. Hälfte des ll.Jhs. ein Gerücht ihn da-selbst lokalisierte, a. 1121 im Nikolausaltar, 1196 im Hauptaltar niedergelegtund blieb hier verschlossen bis zur ersten öffentlichen Ausstellung 1512,durch welche dann die beiden Augsburger Drucke D u. P veranlaßt wurden.

Die offizielle kirchliche Fassung hat es in der Frühgeschichte des Rockesund seiner Verbringung durch Helena nach Trier nur zu Ansätzen einerLegende gebracht, im deutschen Gedichte aber ist eine solche zu völligerAusbildung gelangt. Die Auffindung und Überführung des Rockes durchOr. ist persönliche Erfindung des Spielmanns. 2 ) Entgegen der historischenBeglaubigung schreibt er statt der Königin Helena, die so viele verehrens-werte Schätze nach Trier gebracht, einem sagenhaften einheimischen Königden Ruhm zu, den kostbaren Besitz seiner Vaterstadt verschafft zu haben,überträgt dagegen, in völliger Unkenntnis der Chronologie, auf jene Heiligedie Webung des Rockes. 3 ) Von gelehrter Seite wurde denn auch das tractateloder büchelin von einem künig genannt Orendel gemeint isteine der zur Ausstellung des Rockes a. 1512 erschienenen Schriften alsfalsche Erdichtung und gewinnbringende Spekulation gebrandmarkt. 4 )

Der durchaus herrschende Ton in dieser Spielmannsdichtung ist der einerganz populären Frömmigkeit. Das Religiöse ist in grobsinnlichen Vor-stellungen aufgefaßt. Kommt Or. in eine schwierige Lebenslage, so wirdein Wunder aushelfen, nichts vollbringt er selbständig aus eigener Kraft,seine Handlungen sind nicht Ergebnisse eigener, innerer Sittlichkeit, sondernsie werden gelenkt durch das unmittelbare Eingreifen der himmlischenBarmherzigkeit: er spricht ein kurzes Gebet zu Gott um Hilfe, und es wirderfüllt; oder Maria richtet ihre Fürbitte an den Sohn, Christus sendet einenEngel, der den Befehl ausführt; das ist der gewöhnliche Verlauf, wie einWunder eingeleitet wird. In der Gefahr selbst ist er der tapferste Held,furchtlos und stets siegreich in den schwersten Kämpfen gegen die Heiden,ein unbezwinglicher Verbreiter des Christentums (Heidentaufe 2506. 2828 ff.3114 ff. .3243 ff.). Der legendarische Geist kommt noch viel mehr zumAusdruck als im Oswald. Dort ein königlicher Heiliger, mit Szepterund Krone an der Spitze einer Schar hochgeborener Vasallen, hier ein demü-tiger Mönch in einen groben Mantel gehüllt, als ob er eben einem Kloster

ungenähten Röcke, 1. Aufl. Düsseldorf 1845;Creizenach, Beitr. 1, 98; Berger S. C ff.;HeinzelS.48 51.') Vgl.Kchr.1038710389.2 ) Die Vorgeschichte des Gedichtes kannalte Sage enthalten: Herodes gibt den Manteleinem Juden, der ihn wegen der untilgbarenBlutflecken in eine Steinkiste (vgl. HeinzelS. 51) vermauert (so fand ihn Helena). ImSpielmannsgedicht wiederholt sich der gleicheVorgang dreimal: der Jude, der Siren, der

Pilger haben den Rock und werfen ihn wiederweg, erst der vierte Besitzer, Or., kann ihn,durch göttliche Gnade, tragen. Aber auch ermuß ihn später an seinen richtigen Ort ab-liefern, an die geweihte Stätte in Trier.

3 ) Wie willkürlich die profanen Verfassermit heiligen Dingen umsprangen, zeigt dermittelniederl. Roman Seghelijn vanJherusalem,wo der Held die Marterreliquien Christi ge-winnt, Heinzel S. 53. *) Berger S. CI.