§82. Sanct Oswald. 331
Verfasser des ursprünglichen Gedichtes von ca. 1170 die Heirat Oswaldsmit der Tochter des getauften Heidenkönigs (Kynegils) in die Form einerBrautraubgeschichte kleidete. 1 ) Der Grundplan dieser Spielmannslegendeoder spielmännischen Legende lautete also: A. Der fromme und mild-tätige König Osw. von England, der für die Verbreitung des Christentumswirkt, will heiraten. Es wird ihm geraten, jene heidnische, aber dem Christen-glauben geneigte Königstochter jenseits des Meeres zur Frau zu nehmen,deren Vater alle Freier umbringt. B. Er sendet seinen Werber, einen Raben,zu ihr. Nach ihrer Zusage fährt er selbst in ihr Land, entführt sie durchList, besiegt und tauft ihren Vater und dessen heidnisches Heer. — DiesesGerüste wurde von dem Dichter des Originals ausgefüllt und erweitertdurch Sonderzüge nach dem gewöhnlichen spielmännischen Kompositions-verfahren.
Die Textgestalt der Vorlage der drei Fassungen, d. i. eben das für uns erreichbareOriginalgedicht, kann nicht wiederhergestellt werden, da jene drei Abzweigungen so-wohl den Stoff als den Wortlaut zu selbständig geändert haben. 2 ) Positive Zeugnisse füraltes Gut sind die Übereinstimmungen zwischen allen drei Hss. MS, zn, WO oder diezwischen MS und zn bezw. WO, jedoch ist gemeinsames Nichtvorhandensein im Texte vonzn und WO für den Versbestand des Originals nicht unbedingt beweiskräftig, da diesebeiden Bearbeitungen unabhängig voneinander Kürzungen vorgenommen haben. Demnachenthielt das ursprüngliche Gedicht schon Neben- und Doppelmotive, 3 ) z. B. den ehren-vollen Empfang des Pilgers durch Osw. (Münch. Osw. 209—211, Wien. Osw. 61—64); dashöfische Benehmen des Raben beim Empfang durch den Heidenkönig (MS 833 f. 837 f.,WO 210 f. 270 ff.); der vergoldete Hirsch, der als zweiter Helfer an Stelle des Raben ge-treten ist (MS 2457 f., WO 1064 f.); 4 ) eine ausführliche Darstellung des Hornblasens, wo-durch der Heidenkönig seine Mannen zusammenruft (MS 2692 ff., WO 1155 ff. 5 ) Die religiöseAuffassung kam auch in der Vorlage schon in Gebeten zum Ausdruck: die Aufbetung desTors (MS 2533—2570, WO 1104—1123); das Gebet Osw.s um Rettung gegen die verfolgen-den Heiden mit dem Gelübde (MS 2787—2804, WO 1198—1219). Damit sind auch schonUnebenheiten für die Vorlage nachgewiesen, denn dieses Gebet ist, obgleich es erhörtwird, doch überflüssig, da die Heiden gleich darauf doch Osw. und sein Heer einholen.Auch das Vorkommen formelhafter Wendungen im Original wird durch Übereinstimmungvon MS und WO bewiesen. Demnach beschränkte sich das Urgedicht nicht auf die not-wendigen Grundzüge des Sagenthemas, sondern es war ein durch inhaltliche und formaleBestandteile erweitertes Epos. 6 )
') Siehe Baesecke, Münch. Osw. S. 266 ff.und die oben S. 287 angegebene Literatur.
2 ) Baesecke (Münch. Osw., hinten unterAbh. S. 169 ff. an verschiedenen Stellen, vgl.auch Wien. Osw., Einl.) sucht durch inhalt-liche und metrische Beweismittel und unterBeiziehung von zn und WO das Originalund die Anteile von sechs Bearbeitern ausdem Text von MS zu sondern. Wilmannserkennt die Möglichkeit solch genauer Schei-dung nicht an, weist aber auf einige Stö-rungen hin, die durch jüngere Weiterbildungenveranlaßt seien; vgl. auch Ehrismann aaO.und Keim, Diss.
3 ) Diese Gleichungen zwischen MS undWO s. Baesecke, Münch Osw. S. 230-232;
s. fernerS. 349ff. undWien.Osw.S.LXXVHIff.
4 ) Zu der weitverbreiteten Hirschsage vgl.Carl Pschmadt, Die Sage von der verfolgtenHinde, Greifswalder Diss. 1911, bes. S. 126 ff.
5 ) Auch die zwei Wunder bei der Heiden-taufe: WO hat zwar nur die Auferstehungder Toten, aber gerade das Quellwunder wirdals ursprünglich für die Legende erwiesendurch das Vorkommen bei Reginald. DieWiedererweckung der Toten kann aus derHildesage stammen.
6 ) Da wir uns das Original nur in solchallgemeinen Umrissen vorstellen können, istes uns unmöglich, die Tätigkeit der drei Be-arbeiter zu durchschauen. Über Vermutungenkommen wir nicht hinaus.