Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
330
Einzelbild herunterladen
 

330

B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.

(635642), die er zum Christentum bekehrte. Wir besitzen zwei Überlie-ferungen von seinem Leben, die zwei Stufen in der Entwicklung des ge-schichtlichen bezw. sagenhaften Stoffes darstellen. Die wichtigsten histo-rischen Tatsachen hat Beda (672735) mitgeteilt in seiner Historia eccle-siastica gentis Anglorum II, 5. 20. III, 1. 3. 6 f. 913, von denen folgendenoch als grundhafte Züge in dem deutschen Spielmannsgedichte vorkommen:Osw. war fromm und demütig, freigebig, beschenkte reichlich die Armen,speiste sie von seinem Tische und zerteilte die Stücke seines silbernenBechers unter sie, kämpfte mit heidnischen Königen, wirkte für das Christen-tum durch Heidenbekehrung und veranlaßte einen heidnischen König(Kynegils von Wessex) zur Taufe, stand dabei Pate (a. 635) und heiratetedessen Tochter (Kyneburg). Er stirbt nach kurzer Regierung. In das Bild,das Beda von dem frommen König, der nur ein Menschenalter vor seinerGeburt gestorben war, entworfen hat, sind schon übernatürliche Ereignisseverwoben (Wunder bei seinem Tode, an seinem Grabe u. a.), die erste aus-gebildete Legende aber, die wir besitzen, ist die Vita S. Oswaldi regis etmartyris des englischen Mönches Reginald 1 ) v.J. 1165. Hier treten eben-falls einige im Spielmannsgedicht wiederkehrende Züge auf: die Vorausver-kündigung von Oswalds Tod, das keusche Eheleben, die Wunderquelle, hierauch erscheint ein rabenähnlicher Vogel, wohl das Urbild des Raben inder deutschen Sage.

Schon zu Bedas Zeiten waren Wundererzählungen von Oswald auf dasFestland zu den heidnischen Franken und Friesen gelangt, die Überführungvon Reliquien im 8. Jh. nach Westfalen, im 11. Jh. nach Bergues in Flandernund seine Verehrung im 12. Jh. in Echternach bezeugen für jene Gegendeneinen ausgesprochenen Kult des Heiligen. 2 ) Im 13. Jh. war seine Verehrungauch in Oberdeutschland verbreitet, heutzutage wird er besonders in denAlpenländern gefeiert, wo ihm viele Kirchen geweiht sind und eine Reihevon Orten seinen Namen tragen. Er ist einer der vierzehn Nothelfer, Patrondes Wetters und heilkräftiger Quellen, Helfer in Krankheiten, einer jenerheiligen Männer, die im frommen Volksgemüte lebendig bleiben. Und auchdie kirchliche Kunst hat in Wechelbeziehungen zur volkstümlichen Sagedas Bild des königlichen Gottesmannes, meist mit dem Raben als Attribut,der dann wohl einen Ring im Schnabel trägt, in zahlreichen Darstellungenverbreitet. Seltener ist in der bildenden Kunst der Heilige als Speiser derArmen nach der von Beda überlieferten offiziellen Kirchenlegende anzutreffen.

Zum Spielmannsthema wurde die historische Legende dadurch, daß der

Osw. S. 261-309; Zingerle, OswaldlegendeS. 70-103, Anz. f. Kunde d. d. Vorz. 1857,381388; S. Schultze S. 3060; Keim,Diss. S. 7 ff. Zingerles mythologische Deu-tung, wonach die Oswaldsage die Umbildungeines Wodanmythus wäre, stand eine Zeit-lang in Geltung (Simrock, Mythol. 4 , Reg.S. 632;JWilh. Müller, Mythol. S. 241 ff.; vgl.

auch E. H. Meyer, Germ. Mythol. Reg. S. 337).Nahe Beziehungen zu einer Salomosage weistSinger nach ZfdA. 35, 177 ff.

J ) Hgb. von Th. Arnold, Symeonis monachiopera omnia, London 1882, tom. I, 326385.

2 ) Seine Vita ist aufgenommen in die ActaSanctorum Bollandorum Aug. II, 83 ff. DasFest des Heiligen fällt auf den 5. August.