324 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.
die Schwester sind die Getreuen, Salme ist die Ungetreue. Salman undMorolf verkörpern die Treue zwischen Brüdern, zugleich zwischen Mannund Mann, in Salman und Salme stehen sich der treue Gatte und die treu-lose Gattin gegenüber, in der Schwester und Salme das treue und dasungetreue Weib, Morolf gegen Salme führt den Kampf der Treue gegendie Untreue.
In unserm mhd. Volksepos ist die Treue „Urquell und Inbegriff der edel-sten Tugenden". 1 ) Auch im Spielmannsgedicht von Salman ist die Treueim Grunde die Macht, die das sittliche Leben bedingt, aber sie ist nichtauch in Wirklichkeit die belebende Kraft, die die Menschen in ihrem Tunleitet. Eine solch ernste Lebensauffassung liegt nicht in der Stimmung einesGedichtes, dessen Ausdruck burleske Komik ist. Der sittliche Kern wirdüberwuchert vom Spaßhaften. Der novellistische Stoff trägt in sich die An-lagen zu einer großartigen Tragödie, der getreue Vasall führt den Vernich-tungskampf gegen das haßerfüllte Weib, das seinen Herrn verderben will,Morolf gegen Salme, daz mortgrimme wtp, wie Hagen gegen die välandinneKriemhilt.
In der Vermischung von Ernst und Scherz besteht gerade die Spiel-mannsart. Zwischen einer Fülle von Witz und Lächerlichkeit tauchen zu-weilen unerwartet große Schönheiten auf. An solchen Stellen herrscht eineandere und zartere Empfindung, das ist echt volkstümliche, nicht spiel-männische Weise. Wie abgerundete Lieder heben sich die zwei Kemenaten-szenen aus der Umgebung hervor, die beide das Motiv des Zaubergesanges 2 )enthalten: Morolf singt vor der Königin besser als irgendein Mann. Allesward freudenreich, wer die Töne von ihm vernahm ... Ich kam nach Gilestin die Hauptstadt, wo die Sonne ihren Ruhesitz hat, dabei liegt ein Land,heißt Endian, da lernte ich die Weise schön und wonnesam usw. (251—258).Die Jungfrau, Fores Schwester, führte Salman in eine Kemenate, sie saß zuihm auf eine Matte und tröstete ihn mit großem Fleiß ... Er nahm eineHarfe, gar wohl kannte er den Engelgriff, die Töne waren wonniglich: „ichvertraue meinen Engeln in dem Walde (es sind seine rettenden Helden ge-meint), daß sie mich nicht verlassen; nun schweig, mir tun deine Tränenweh!" (461—476). In eine mystische Vision gekleidet ist die Auslegung derdrei rettenden Heere Salmans, die im Walde unter Morolfs Führung verborgensind. Die Jungfrau blickte gegen den Wald hinaus, sie sprach: „Ein Herr,der reitet in einem schwarzen Mantel, wenn der Wind den aufbläst, so istsein Harnisch weiß wie Hermelin." Salman sprach: „Siehst du eine schwarzeSchar? das sind alles Teufel; siehst du eine bleiche Schar? die sind unsersHerren Verwandte; 3 ) siehst du eine weiße Schar? das sind alles Engel und
1 ) Uhlands Schriften 1, 303.
2 ) Gesang als Liebeszauber ist altgerm.Volksglaube, der Gegenstand dieser beidenliedartigen Episoden ist also alt-volkstümlichund in "der Volkspoesie sehr beliebt, vgl.
Panzer, Hilde-Gudr. S. 227—231 (bes. S. 231Anm.) u. S. 301-307.
3 ) Die Strophe scheint entstellt zu sein, s.Vogts Anm. S. 193. Unsers herren mäge sindd. gerecht. Menschen, deren Seelen erlöst sind.