§ 81. Salman und Morolf. 321
diese Rolle ist ihm vom Dialog her überkommen. In diesem Kostüm ister die ergötzliche Person, der Held des Volkshumors, das Urbild des Fah-renden, schlau und verschlagen {der listige man), begehrlich aufs Trinkenund auf Geschenke und eitel auf Ehrung, der geriebene Kundschafter, derlustige Possenreißer, auch der rohe Cyniker, in seinen Künsten ein erfin-derischer Komödiant oder auch ein dämonischer Zauberer.
Im Romanbild nimmt Morolf das größte Interesse in Anspruch, er istder Erreger und zumeist auch der Ausführer der Handlung, er ist auch derHauptträger der Grundstimmung, nämlich der Komik. Salman ist mehrpassive Figur.
Salman ist christlicher König von Jerusalem, Fürst über alles Christen-volk 1, 3, seine Mannen sind Tempelherren. Von dem biblischen Salomohat er die Weisheit 1, 5. 101, 3. 155, 1. 381, lf., die ihm aber nur traditionellzugeschrieben wird und in dem Gedicht selbst nicht in die Erscheinungtritt. Stärker betont wird seine Schönheit: sie kann sich auch unter demPilgergewand nicht verbergen 398, 3, sein Antlitz ist so wonnesam, daß diejunge Heidin von dem ersten Blick an sich nicht mehr von ihm trennenkann 401, er ist der allerschönste Mann, den jemals eine Frau gewann, esfunkeln ihm die Augen sehr schön in seinem Haupt gleich einem wildenjungen Falken, zierlich stehen ihm die Brauen 404, 5 405. 406. 423, 5.424, 1—3. Er ist eine hoheitsvolle Gestalt. Edelmütig verzeiht er seinembetrügerischen Weibe; dem Feind, den er in der Hand hat, schenkt er dasLeben; er will lieber den Tod leiden, als das Mädchen, das ihn befreienwill, in Gefahr bringen; er könnte sein Leben retten, wenn er klug sichverteidigte, aber sein Stolz läßt es ihm nicht zu (438,1). Aber er ist allzuvertrauenseelig und überläßt der leicht zu verführenden Frau den gefangenenNebenbuhler zur Bewachung. — Die ihm beigelegten Epitheta sind nur stili-stischer Schmuck und sagen nichts Bestimmtes über ihn aus; er ist wtse,der edele, der riche, edeler kunig lobelich, keiser lobesam.
Das Intrigenspiel wird zwischen Salme und Morolf geführt, sie sind dieeigentlichen Gegner im Stück. Sie weiß genau, daß Morolf ihr gefährlich-ster Feind ist (101, 3—5, ferner 104. 105.407. 411. 448, 4 f.). Morolf dafürdurchschaut alle ihre Ränke, unbarmherzig arbeitet er auf ihr Verderbenund am Ende gewinnt er das Spiel. Sie ist berückend schön und gänzlichherzlos, ein dämonisches Weib: den ersten Mann, der sie so sehr liebt,verrät sie und will ihn an den Galgen bringen, dem zweiten macht sie esnicht besser: als sie mit ihm zusammen vom Schicksal ereilt wird, lädt sieum sich zu retten feige die Schuld auf ihn und gibt ihn preis, daß er ge-hängt werde (415. 449. 496 f.). Der stärkste Fluch trifft sie, der der Treu-losigkeit: vor Gott klagt sie Salman an waz mag grözer untrüwen an derkuniginne sin! 420, 4 f. 412, 1; sie ist daz ungetmwe wip 531. 545, dasverchungetrüwe wip 262, 4. 533, 3, das mortgrimme wip 421, 3. Diesencharakterisierenden Beiwörtern gegenüber stehen, dem formelhaften Stil des
Deutsche Literaturgeschichte. II. * 21