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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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320 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.

und großen Schuhen, das Messer am breiten Gürtel, sein Handwerk treiben(701 ff.), den Hausierer seinen Kram mit Nadeln, Gürteln, Bändeln, Beutelnrichten (709 ff.). Naiv stellt sich das Volk den Verkehr mit den Fürsten dar,wie im Märchen: der bettelnde Krüppel, der auf allen Vieren rutscht, läßtdurch den Torwächter den König aus der Burg holen und der Herrschererscheint, von seinen Rittern umgeben, auf den Wunsch des Armseligen,beschenkt ihn reichlich, hebt ihn eigenhändig auf seinen Esel und hilft ihm,da er herabfällt, wieder hinauf (639 ff.). Das sind freilich Idealzustände fürBettler, aber doch ist diese phantasievolle Ausschmückung ein sprechendesBeispiel für die auf dem Gebote der Nächstenliebe beruhende Pflege derArmen und Kranken im Mittelalter, ein Bild für diese schönste sozialeTugend des Christentums, für ihre Erfüllung durch den gütigen Fürsten,zugleich aber auch für ihren Mißbrauch durch das bettelnde Volk.

Lediglich nach dem materiellen Vorteil schätzen die Fahrenden, die guotdurch ere nehmen und wohl wissen, daß sie ein unfrommes Handwerktreiben, die Menschen ein: wer am meisten gibt, der wird am lautestengepriesen. Von den Gönnern hängt ihre Existenz ab, darum wird ihnen ge-schmeichelt, sie werden als Muster von Milde und Freigebigkeit hingestellt(Princian 639 ff.); auf dem Kriegsfuß dagegen stehen sie mit den Dienern,denn die sind ihnen aufsässig, behandeln sie schlecht und suchen die Zu-dringlichen mit Schlägen vom Hof zu vertreiben. Solche Prügelszenengehören zu den besonderen Ergötzlichkeiten der Spielmannsdichtung (192194. 363369. 645652, vgl. 312 f. 317). Derbe Komik ist die Würze derSpielmannspoesie, aber einige Unflätigkeiten Morolfs gehen darüber hinausund verraten seine Herkunft aus der niederen Sphäre des Spruchgedichtes.

Morolf ist der eigentliche Held der Erzählung. Entsprechend seinerEntstehung aus dem helfenden Verwandten der Rasosage und dem Schelmendes Spruchgedichtes hat er eine doppelte Natur: einerseits ist er ein vor-nehmer Ritter, andrerseits ein Possenreißer. Als Mitglied der Feudalgesellschaftist er der liebe bruoder Salmans, der zu seiner Seite sitzt (55, 4 f.); sein Ver-trauter {Salmänes drut 185, 1.); sein getrüwer dienstman (351, 5), dertugenthafte dinstman (208, 5); sein Ratgeber und getreuer Gefolgsmann,der sich für ihn in Lebensgefahr begibt und ihn vom Tode errettet; derHeerführer und Bannerträger; ein kühner Held (ritter edele, ritter lobesam,der stolze ritter halt, der werde hell guot, der degen here, der üzerweltedegen, der stolze degen, der kuone man, der dugenthafte man); er ist jungund noch bartlos (127,1. 259, 4); hat blondes, gelocktes Haar (261,4), spiegel-klare Augen und zierliche Brauen (673); selbst im Bettlergewand verleugneter nicht, daß er von höher art geborn ist (195). Wie Ganelun, als er zurBotschaft unter die Feinde gesandt wurde (oben S. 264 f.), so sorgt auchMorolf um sein Kind und übergibt es, mit Herzeleid scheidend, in denSchutz seines Königs (176 f.). Das ist der Morolf der höfischen und ritter-lichen Partien. Sein eigentliches Fach aber ist die Abenteuerkomik und