§ 80. König Rother. 309
deten Kreise zur Blütezeit der ritterlichen Kultur bewegten. Einfacher sinddie geistigen Ansprüche in dieser Spielmannsgeschichte gegenüber demreichen, phantasievollen Leben in der höfischen Dichtung, das durch Poesieund Frauenverehrung eine romantische Verklärung fand. Welcher Unterschiedz. B. in dem Minnewerben! Rother sucht eine Frau aus praktischen Staats-gründen, Sigfrid im Nibelungenlied hört von der Schönheit Kriemhildens undihrer hohen Gesinnung, er wirbt um sie, denn sein Herz hat große Liebezu ihr (Nibel. Lachm. 46,1. 48,1. 49,2. 50,2.53,3.0 Im höfischen Epos endlichist das Werben ein ritterliches Abenteuer (Hartmanns Erec und Enite, Iweinund Laudine, Wolframs Parzival und Kondwiramurs, Gawans Liebesaffären).
Das doppelte Ethos des Gedichtes, die Mischung von nationaler undspielmännischer Tonart, befaßt zugleich einen Gegensatz in der Stimmungzwischen Ernst und Scherz, zwischen heroischem Pathos und spielmännischerKomik. Am stärksten kommt dieser zwiefache Rhythmus zum Ausdruckin dem Kontrast zwischen der zuht der höfischen Gesellschaft und der Un-sitte derRiesen. Siesind die Träger der ausgesprochenenSpielmannsburleske,durch das ganze Gedicht hindurch und bei jeder Gelegenheit spielen siedie unfreiwilligen Spaßmacher, ihr groteskes Benehmen, ihre plumpen Gewalt-taten, ihre Prahlereien bilden den Gipfel der niederen, derben Komik, anwelcher sich das Publikum der Spielmannsdichtung ergötzte. Schon ihrÄußeres ist aufsehenerregend. Zu Fuß im Staub, nicht auf ritterlichem Rosse,denn keines konnte ihn tragen, kommt Asprian an, ein wunderlicher man;er trägt eine stählerne Stange (Keule), vierundzwanzig Ellen "lang. Geißelnhaben sie mit eisernen Ketten und großen Knöpfen 632—639. 652—703. 2 )Noch grimmiger ist sein Mann Widolt. Den mußte man bewachen wegenseiner Wildheit, gefesselt ging er wie ein Löwe, wenn man ihn von derKette los ließ, schlug er jeden tot, der seinen Ärger erregte 756—773.1659-1665. 1732 f. 2751 f., vgl. 891—900. Er reibt Feuer aus Stein 1048—1050, er beißt in seine Stange, daß die Flammen herausfahren 4658—4669.4679—4681; er war der zornigste Mann seit Adams Zeiten 2706—2712. In dreiKraftstücken gipfeln die Leistungen der Riesen: wie Asprian im Ärger überRother-Dietrichs Demut den Fuß bis über den Knöchel in die Erde stampft 942 f.,wie er den Löwen an die Saalwand wirft 1146—1152, die Prügelei 1616—1773.
Stellt die Riesengroteske eine niedere Komik mit der Übertreibung insPossenhafte dar, so ist der griechische König Konstantin mehr in einerfeineren, humoristisch-ironischen Auffassung gezeichnet. Ein mächtigerHerrscher, anmaßend und feig, schwach und kopflos. Er wirft die fremdenGesandten ohne weiteres in den Kerker, prahlerisch rühmt er sich diesesleichten Sieges über Rother und entschuldigt dann seine kecke Rede, als
') Neben dieser seelisch tieferen Auffas- j werbenden Fürsten wegen ihres Reichtums
sung vom Verhältnis der Geschlechter stehen i Str. 49, 3. 50, 3. 4; die Gefahr der Werbung
im Nibelungenlied noch die Motive des alten | wegen der feindseligen Haltung der Ver-
Brautwerbungstypus: der Rat der Mannen i wandten der Jungfrau Str. 52—62.
Str. 49, 1—3; die Jungfrau geziemt dem -) Vgl. Droege, ZfdA. 51, 198.