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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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308 B- Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.

nicht zum guten Ton (Konstantin 325, Asprian 1030, Widolt 2706; in Kampf-zorn gerät Wolfrat 4337). Aber doch bricht bei starker Erregung die Leiden-schaft ungehemmt los und Auslassungen gerechten Zornes werden nicht als eineVerletzung der guten Sitte empfunden. In solchem überwallenden Elementar-gefühl versetzt der sonst so besonnene Berchter in der Ratsversammlungeinem alten Herzog, dem er den berechtigten Vorwurf der Feigheit macht,unter dem Beifall seiner Mannen einen Faustschlag, daß ihm das Blut ausdem Halse fährt, und er drei Tage besinnungslos liegt 566577.

Ere und zuht, die Forderungen der guten Sitte, regeln das sittlicheLeben, noch ist nicht die mäze, die durch Stärkung des sittlichen Willenserreichte Selbstbeherrschung, als ethisches Prinzip ausgesprochen. Auch derhohe muot, das gehobene Selbstbewußtsein, das von dem Streben nachsittlichen Idealen erzeugt wird, befindet sich nicht unter den moralischenWerten dieses Ritterlebens, auch nicht die scelde, das Glücksgefühl reichenirdischen Besitzes und Erfolges, selten nur erwähnt wird die stcete, dieCharakterfestigkeit. Und die Frömmigkeit, die im Verlauf der Erzählung inein weitschweifiges Moralisieren ausläuft, ist meist nur äußerlich aufgetragenals Zubehör des spielmännischen Milieus; doch mit Maß gebraucht verleihtdie fromme Gesinnung der betreffenden Stelle einen warmen Gemütston,z. B. 186-189. 320323. 360364. 2940-2942. Und noch fehlt in diesersittlichen Erziehung der Einfluß der Frau. Sie hat nicht die überragendeBedeutung wie bald darauf in der höfischen Kultur. Der Mann begegnetihr mit Achtung, ja schon mit einer gewissen Courtoisie, es ist zuht siezu ehren 46304641. Sie vertritt die Würde des Hauses gegenüber denGästen 272275. 905908. Gehobene Töne werden angeschlagen beimPreis der Frauenschönheit 7079. 18201841. Aber die Frau ist nichtein vergöttertes Wesen wie in dem galanten Spiel des höfischen Minne-dienstes, sie wirbt um den Mann und ist ihm in einfacher Herzensneigungzugetan 19171920. 19551964. Treue verbindet die Gatten, und um dasgeraubte Weib wieder zu erlangen, wagt Rother sein Leben. In wenigenschlichten Worten ist das große Glück der Ehegatten ausgesprochen, Freudund Leid zu teilen: sint gewan sie mit detne helede manige werltwunneunde ouch trübe dar ander 19221924 (vgl. 320323).

Im Rother entfaltet sich ein lebensvolles Bild der älteren mhd. Hof-gesellschaft. Der Dichter stellt in dem Helden die ideale Gestalt einesFürsten dar 37193793: er pflegt grözir erin 3723, alle Fürsten sind ihmhold, Arm und Reich, wegen seiner Freigebigkeit 37253742, er ist gnädigund gütig 3748 f., alle Tugenden hat er 3754, er ist mitte 37553759, einmächtiger Gefolgsherr 37603763, hilfreich in Kriegsnöten 3764-3766,ein Sieger über die Heiden 37673771, durch Mühen und Höflichkeit hater sein Weib erworben 3782 f., ein tuginthafter man 3790.

Es ist noch ein einfacherer Bildungstyp. Die Schranken der Sitte habensich noch nicht zu jener geistigen Freiheit erweitert, in der sich die gebil-