§ 80. König Rother. 307
sich stimmt, da sie aus dem Reichtum des Vasallen, als den Dietrich sichausgiebt, schließen, daß sein Herr, der König Rother, ein ungeheuer mäch-tiger Herrscher sein müsse.
Das höfische Leben ist nach der Sitte geregelt, es hat feste, verbindlicheFormen und beruht auf gegenseitiger Höflichkeit. Das ist die zuht (gezogen-llche), die gute Erziehung, das feine Benehmen. 1 ) Bei jeder Gelegenheit ge-sellschaftlichen Verkehrs wird auch die schöne Lebensart hervorgehoben:Erziehung 52. 989. 2263—70; Empfang, Begrüßung, Abschied 102—6. 240.71. 73. 75. 906. 8. 15—17. 1096. 3355. 4648-55. 4738—41. 4927—29;Sprechen 107. 4630. 73; Gangart 2004 f. (Sprichwort), 2089—95. Die altegute Sitte wird gepriesen, die aide zucht, die jeder Dienstmann gegenseinen Herrn haben sollte 3654—3659, die aide zucht und ere verlangt,daß man Beleidigungen um Gottes willen übersieht 4616—4627; beideMale ist mit diesem Lob der guten alten Zeit ein religiöser Beigeschmackverbunden.
Alle diese Beispiele artigen Benehmens betreffen nur die äußere Um-gangsform. Aber doch verpflichtet dieser ungeschriebene Sittenkodex dieGesellschaft zugleich zu Anstand und Würde und unterbindet Roheit undverletzende Ausbrüche von Leidenschaft, ohne daß indessen die Ge-fühlsregungen unterdrückt würden. 2 ) Vielmehr dürfen sich Freud und Leidungehemmt aussprechen, und unmittelbar ergeht sich das Gefühl in Weinenund Klaggebärden (Händeringen, hantslagin 2883). Damit kommt das Innen-leben zu seinem Rechte und die Personen treten uns menschlich näher, dasGemüt erschließt sich und die dramatisch bewegte Handlung gewinnt einensentimentalen Ton. Besonders sind es gewisse traurige Ereignisse, die von einemstarken Gefühlswertgetragen sind: das Leiden der Gefangenen, der Schmerz destreuen Herrn, des alten Vaters sind ergreifend und wirkungsvoll dargestellt. Inzwei Szenen werden diese Seelenleiden vorgeführt, bei der Gefangennahme derBoten 341—385. 430—497, und bei ihrer Befreiung 2413—2484. Rührend auchist der Schmerz der getrennten Gatten 3820—22. 3827—33, darauf die Freudeder Frau über die nahende Rettung und ihr unheilverkündendes Lachen 3880—85. 3896—99; Schreien und Weinen der Frauen und Bürger über RothersNot 4014—42; rascher Wechsel von Jammer und Freude 2881—2942(vgl. 2855). Die Ausdrücke der Freude sind seltener {lachen 2483. 2937 f.3882. 86, halsen und küssen 3259 f.). Gewaltig ist die Erschütterung Kon-stantins, als er die Flucht seiner Tochter erfährt, er weint, quält sich ab,fällt in Ohnmacht 3013-23. 3042. Derartige Überwältigung durch dieLeidenschaft, daß einer von Sinnen kommt, ist unmännlich, und im Gegen-satz zu Konstantin bewahrt Rother, als ihm seine Frau geraubt wird, seineWürde. Er bleibt gefaßt und gerät nicht in zorn 3272. 3339. 46. 53, jagerade im Unglück zeigt er sich groß und edelmütig. Zornig werden gehört
') Ueber die Anredeformen im Rother s. | 2 ) Ausdruck des Gefühls :WiegandS. 139 ff.ZfdWortforsch. 2, 145—151.
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