§ 80. König Rother. 305
In der germanischen Heldensage ist List 1 ) nicht eigentlich ein charakterisieren-der Zug des Kriegers, obwohl sie bei der Wahl der Mittel nicht als unrühm-lich galt;*) Hinterlist allerdings war unter allen Umständen schmachvoll. DerSpielmannsheld dagegen sucht sein Ziel mehr durch List als durch Tapferkeitzu erreichen und wird darin von der begehrten Braut unterstützt. Wirmözen mit götin listin unser Hb gevirstin 816 f. (vgl. 3032 f.) ist der Grund-satz, mit dem Rother die Reise in das fremde Land unternimmt, da er denMannen seine Umwandlung in den Recken Dietrich vorträgt 813—822. Darumwird er bei dem Meisterstück seiner Schlauheit, bei der Schuhprobe, derlistige man' 6 ) genannt 2128. 2201, vgl. 2290, ebenso später, als die heimlicheAbfahrt vorbereitet wird 2823. 2836. 2877, und schließlich bei der Ent-deckung des ganzen Listgewebes 2906. 3003. Listichliche spricht die Königs-tochter 2336, Herlint die Kammerfrau ist daz listigez wiph. 1950, derSpielmann, der Rothers Weib entführt, war ein listiger välant 3113. Listhat aber im Mhd. überhaupt noch nicht einen ausgesprochen moralischen Ge-halt wie heutzutage, die bezzere list 512 hat noch die ursprüngliche Bedeutung„das bessere Wissen, die bessere Weisheit", Sachkenntnis, Verständnis, Rat,wie z. B. 729. In diesem Sinne wird Lupolt, der keine Untreue hatte, ,einvile listiger man' genannt 161—163. Die list, die Weisheit, sich mit vollerEinsicht in die der Tatsachen in schwierigen Lebenslagen zurecht zu finden,wird an Rother gerühmt 2274 f.
Das kriegerische Element tritt in der durch die List geleiteten Ent-führungsgeschichte zurück. Jeder der beiden Teile hat nur eine Schlacht-szene, kurz vor dem Schluß: I. 2563—2750 (der eigentliche Kampf 2735—2750), II. 4030—4352. Die Kampfschilderungen sind dem Verfasser nichtbesonders gelungen, es fehlt ihnen an Kraft und Gedrungenheit, es kommtnicht zu spannenden Einzelkämpfen mit regelrecht geführten Stichen undSchlägen, unter den Gegnern tritt überhaupt keine einzelne Person hervorund auch Rother selbst greift kaum in die Schlacht ein. Im ersten Teil istder Kampf überhaupt kurz abgetan 2735—2750. Die Darstellung des zweitenKampfes (Teil II) dehnt sich lang hin, sie ist verworren, fällt auseinanderund wird durch andere Ereignisse unterbrochen. Als Kämpfer treten dieRiesen auf, im zweiten Teil auch Erwin und besonders Wolfrat 4259—4261.4333—4352, denn mit dem Preis seiner Tapferkeit soll den Grafen vonTengelingen, deren Ahnherr er ist, eine Huldigung dargebracht werden.Diese Aristeia des bairischen Helden steht außerhalb des Zusammenhangs,sie ist erst nach abgeschlossenem Kampfe angebracht. 4 )
Ere ist nur ein äußerlicher Wertbegriff, das Ansehen, das ein vornehmer
') Vgl. Lit.Gesch. I, 94. in dem Gedichte. Wolfrät (Wolfhart, s. Ed-
2 ) Verstellung der Person gehört ja schon zardi, Germ. 18, 436 ff.; Wiegand S. 171 ff.)
der Grundfabel von Authari an. j hat den kampfgierigen Charakter wie sein
:1 ) Lackner, Das schmückende Beiwort S.27. '' Namensverwandter in den späteren Dietnchs-
4 ) Wolfrätis zorn 4337 ist kräftiger ge- epen.hoben als die sonstigen Kampfschilderungen
Deutsche Literaturgeschichte. II. ^"