304 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.
das letzte Wort der Mannen, als sie von Rother Abschied zur Heimfahrtnehmen, ist das Versprechen der Treue 4918—26 (treues Zusammenhaltender Sippeverwandten 3412—35). Aber triuwe ist nicht nur ein idealesGemütsverhältnis, sondern eine habhafte Forderung der Wirklichkeit, eineVerpflichtung zu realen Leistungen, ein Vertrag zwischen dem Herrn unddem Mann. 1 ) Der Vasall war zu Hoffahrt (zu Beratungen, Gerichtstagen,Festlichkeiten) und Heerfahrt verpflichtet, der Herr gewährte ihm dafür denRechtsschutz, belohnte ihn mit Ländereien, Grundbesitz und Gerechtsamenund mußte überhaupt seine Dienste lohnen durch Geschenke, Schatzspenden,Anteil an der Kriegsbeute u. dergl. So war das Verhältnis zwischen demFürsten und seinen Lehensmannen fest eingefügt in die materiellen Lebens-bedürfnisse durch die Wechselwerte von Dienst und Lohn, doch verinnerlichtund poetisch verklärt durch die tief sittliche Gemütsmacht der Treue.
Darum war aber auch bei der Treue die Freigiebigkeit, diu milte,eine so unerläßliche wie gepriesene Fürstentugend und Rother übt sie imweitesten Umfang (/£Ae/z=belehnen, geben, lönen 146—148, vgl. 3726f. 190—197. 498f. 623. 4796-4896 {lönen—dienen 4824 f. 4842) 4981—89. AuchKonstantin gibt und lohnt 3042—58. 4712—35; dienen=lönen 4734f.
In den vorliegenden Fällen war milte germanische Fürstentugend. Aberin der Entführungsgeschichte Rothers ist altheimische und spielmännischeArt vermischt, und so gibt es auch eine spielmännische Freigebigkeit. Sieist schon im Stoff des Gedichtes begründet und ist eines jener Listmotive,durch die der Held seinen Zweck, die Braut zu gewinnen, erreicht: Rothernimmt großen Reichtum an Schätzen, Gold und kostbaren Gewändern aufseine Reckenfahrt mit und dazu Goldschmiede 596 —607. 616—619. 785—801. Ausschiffung des Gutes 1031—40; Kleidung und Speisung der Armenund dürftiger Ritter 1291—1522. 3719—43. Beschenkung des Grafen Arnolt1291—1522; der gefügigen Kammerfrau Herlint 1934—36. 2033 f. 2053 f.;eines Kaufmanns für Bewachung des gelandeten Schiffes 206—17. DieFahrenden werden beschenkt, ein armer Spielmann erhält einen Mantel1882—1895. Mit besonderer Vorliebe verweilt der Dichter bei solchen Be-lohnungen. Sie gehören zum stehenden Inventar der Spielmannsdichtungen.In derartigen Schilderungen ungemessener Verschwendung stellten die Dichterihren Gönnern rühmenswerte Beispiele zur Nachahmung vor.
List und Treue lassen sich in der Spielmannsdichtung wohl vereinigen.
') Der Herr, herre (dominus, senior), nimmtden man (homo, fidelis, miles, vassallus) inseinen Schutz, sein Schutzrecht, munt stm.f.(mundium), auf durch die hulde, Huldigung(commendatio). Der Akt der Huldigung,einem hulde, manschaft iuon, swern, bestandim Treueid (fidelitas) und der Handreichung
vor den munt sin 3330 f.). Durch die Huldi-gung wird der Untergebene zum man, dienst-man, holde. — Hulde, ahd. huldi, ist eigent-lich die Verneigung. Die Neigung des Körpersoder des Hauptes ist ein symbolisches Zeichenund geschieht sowohl von seiten des Herrnzum Diener (herablassend, gnädig, Gnade-
(homagium), hende valteri, hantslac (Grimm, i bezeugung, vgl. der koninc sich in zö vözinRA. S. 139 f.), auch durch Kuß (vgl. nam j bot 4807) als vom Diener zum Herrn (treu,he Lüppolde mit der hant unde kuste en ; gehorsam, gewärtig, Ergebenheitsbezeugung).