§ 80. König Rother. 303
Der zwiefache Zug, die Mischung altepischer und spielmännischer Geistes-art, bezeichnet das Innenleben der Menschen in der spielmännischenAuffassung. Darum sind zwei fast gegensätzliche Eigenschaften die Trieb-kräfte für die Entwicklung der Handlung im König Rother, Treue undSchlauheit, Zuverlässigkeit und Überlistung, jene die sittliche Grundbedingungin der Dienstmannensage, diese in der Entführungsgeschichte.
Treue ist die Grundlage des sittlichen Lebens im germanischen Helden-tum, das soziale Band, das den Fürsten mit seinen Gefolgsmannen vereint, 1 )die stärkste Gemütsmacht, die schicksalsgleich die Wege des Daseins be-stimmt. Treue ist die eigenartige Form der Handlungen, welche in demVerhältnis zwischen Herrn und Untertanen sich abspielen, auf der Treueberuht die Existenz sowohl des Fürsten als der Vasallen. In diesem Be-tracht ist das Gedicht durchdrungen von tiefem sittlichem Ernste, ein Denkmalfür die Macht der Treue im germanischen Volksbewußtsein. Groß ist dieSorge R.s um seine verschollenen Gefährten, da Jahr und Tag umgehtund sie nicht zurückkommen. Sehr trauerte er um die guten Boten, er rangdie Hände, auf einem Steine saß er drei Tage und drei Nächte, ohne mitjemanden zu sprechen. Zwölf Söhne hatte der alte Berchter, einer ist fürseinen Herrn im Kampf gegen die.Heiden gefallen, sieben sind für ihnauf die Brautfahrt gegangen und kehren nicht zurück 430—497. DieReckenfahrt unternimmt Rother, um das Schicksal seiner Getreuen zu er-fahren, nicht um des ursprünglichen Zwecks, der Brautwerbung, willen (dieDienstmannensage hat hier die Entführungssage in den Hintergrund gedrängt).Diese Treuszenen gehören zu den schönsten Stellen des Gedichtes. Inihnen offenbart sich ein reiches, tiefes Gemütsleben, wie die Gefangenenvon ferne ihren alten Vater schauen 2467—84, wie sie an dem Harfen-spiel ihren lieben Herrn erkennen 2507—29. Und noch eine zweite Treu-probe hat R. zu bestehen. Als die junge Königin durch den Spielmannentführt wurde, fürchteten die Bürger von Bari den Zorn ihres Herrn, dochLupolt nimmt die Schuld auf sich und bietet Rother sein Leben dar. AberRother dem das Herzeleid geschehen war, ergriff Lupolts Hand und küßteihn auf den Mund und verzeiht ihm, denn er hat ja dritthalb Jahre bei denGriechen im Kerker für ihn gelegen. An diesem Tag hat seine Treue dieihm vom Vater ererbte Selbstzucht aufs neue erwiesen 3269—3369. Dieerste Stelle unter den Mannen nimmt der Herzog Berchter ein, der altegetreue Ratgeber, 2 ) den Rother in allen Angelegenheiten befragt, zö demeer allen stnen rät nam 459. Der treueste der Getreuen ist Berchters SohnLupolt, der Führer der gefangenen Gesandten, darum trägt er auch dieBezeichnung der geträwe man, der aller getrüiste man 55 (163). 2713.2973. 3297. 3538. 3553. 3615. 3697. 4460.4885, denn er hat die Botschaftaufs allertreueste geworben 99.121, he ist gruntveste allir Irouwe 4206. Und
i) Siehe LG. I, 13. ! raters: s. Kauffmann, Philol. Studien, Festg.
-) Der historische Typus des treuen Be- | für Sievers S. 156 ff.; HEUSLER.Anz. 35, 178.