§ 80. König Rother.
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Speziell für unsern, durch die Heidelb. Hs. vertretenen Rother sind diereligiösen Interpolationen charakteristisch, die besonders gegen denSchluß, von ca. V. 4000 an, mit vordringlicher Häufigkeit auftreten. Alsnachträgliche Einschübe heben sie sich manchmal schon durch die äußer-lich glättere Form von der Umgebung ab. 1 ) Äußerungen frommer Gesinnunggehören zum Stil eines Spielmannsepos und somit auch zu dem unseresGedichtes, darum widerspricht der fromme Ausgang des kraftvollen Helden-daseins auch nicht der Stimmung des Spielmannsmärchens. Auch andereHelden der Spielmannsdichtung, Oswald, Orendel, Wolfdietrich, gehen nachvollbrachter Lebensarbeit ins Kloster. Ein solcher Lebensabschluß ist zudemnicht nur eine poetische, nur in der Phantasie ersonnene Fiktion, sondernstellt eine nicht seltene Erscheinung der Wirklichkeit dar. 2 ) Aber der letzteBearbeiter hatte geradezu die Tendenz, dem Werk einen religiösen Charakterzu verleihen. Er hat die heroische Wertung des Lebens mit ihren kräftigenDiesseitsforderungen verkehrt in die mönchische, nach himmlischem Lohnetrachtende Weltentsagung. Er breitet die Stimmung der Kreuzzüge überdie Spielmannsburleske. Die Riesen raten in der Besprechung über dasSchicksal, das die Sieger dem Konstantin und seiner Stadt angedeihen lassensollen, zur Schonung um Gottes Willen, 3 ) Asprian spricht eine erbaulicheRede über das heilige Kreuz und über die Macht Gottes, Widolt vorchteden heilant und demütigt sich in einer Sündenklage 4397—4509. DieKönigin hält ihrem Mann eine Predigt über das Hauptlaster, den Übermut,und über den Teufel 4549—4568. Auch Konstantin macht fromme Redens-arten 973—976. Der Aufmarsch der Leute Rothers gegen Ymelot ist als einReligionskrieg aufgefaßt, als der Kampf der Christen gegen die Heiden. DieChristen sind Kreuzritter. Die beiden Ansprachen des Grafen Arnold 4067—4080 und 4123 4 —4142 4 ) sind Aufforderungen zum Kreuzzug im Geiste derKreuzzugspredigten. Ganz ungeschickt angebracht ist die Rede Berchtersüber die Gnade Gottes in dem Augenblick, als R. bei dem Festmahl ent-deckt wird 3932—3954. Stark erweitert ist die Mönchwerdung 5080—5189.Die ausgesprochen theologische Stilisierung dieser Interpolationen macht eshöchst wahrscheinlich, daß ihr Verfasser ein Geistlicher gewesen ist.
Wie religiöse, so sind auch historische Tendenzen in das Gedichthineingetragen, die nicht dem ursprünglichen Sagenbestand angehörten undsich ebenfalls besonders am Ende geltend machen. Rother wird mit derKönigstochter aus Konstantinopel Vater Pippins, der mit Berta Karl und dieheilige Gertrud zeugte 4765—4795. Der Schluß handelt ganz von der Ge-schichte des jungen Pippin und des alten Rother 4996—5079, von PippinsSchwertleite auf dem Hoffest zu Aachen, 5080—5190, worauf noch ein Aus-
') Edzardi. Germ. 18, 428—432; v. Bah-der, Germ. 29, 287 f.; Wiegand S. 177—187.201—203.
-) Edzardi, Germ. 18, 431 f.
3 ) Eine Parallele dazu im Wolfdietrich B
925 ff., s. Edzardi, Germ. 18, 429 f.
4 ) In M fehlt diese Stelle, die Interpolations-frage ist hier wie in vielen andern Fällennicht geklärt; vgl. v. Bahder, Germ. 29,280f.;Pogatscher S. 11 f.