296 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.
tiefsten Grunde im Ethos, in der Auffassung und Wertung des Menschen-wesens. Ernst, herb, hart ist die Stimmung, die sich um die Person desOsanctrix breitet, viel milder, weicher die in der Rothersage. Herrisch undunerbittlich ist Melias, „der stolzeste aller Männer"; durch Besiegung desVaters, durch Kampf wird Oda gewaltsam das Eigentum des Werbenden,Rother dagegen gewinnt die Braut durch List. An gekränktem Ehrgeiz,weil seine Werbung abgewiesen wurde, zieht Osanctrix, um diesen Schimpfzu rächen, gegen Melias. Rother will das Schicksal seiner Mannen erfahren,i aus Treue entschließt er sich zu dem gefahrvollen Abenteuer; für jenenI ist das Unternehmen eine Machtfrage, für diesen eine Sache des Gemüts.Besonders charakteristisch für die Verschiedenheit der moralischen Anschau-ungen in den beiden Fassungen sind die Mittel, welche die Menschen zurErreichung ihres Zweckes aufwenden: Kraft, Heldentum enlscheidet in derOsanctrix-Handlung, im Rother wird bei aller Tapferkeit doch das Meistedurch List erreicht. Damit ist schließlich der literarisch-historische Unter-schied auf eine Formel gebracht: die niederd. Darstellung der Thidrekssageist heroisch-episch im Geiste der nationalen, germanischen Heldensagen,der Stil der hochd. Erzählung ist spielmännisch.
Ursprung der Rothersage. In seiner Langobardengeschichte erzählt| Paulus Diaconus (Hist. Langobard. III, 30): der König Authari (584—590)schickte Gesandte nach Baiern und ließ durch sie um die Tochter KönigGaribalds, Theudelinde, für sich werben. Garibald nahm sie freundlich aufund versprach dem Langobardenkönig seine Tochter zu geben. Da kamAuthari das Verlangen, seine Braut mit eigenen Augen zu sehen und erzog mit wenigen auserlesenen Mannen, darunter sein getreuer Vertrauter, genBaiern. Beim Empfang spricht er zum Baiernkönig, als ob er der AbgesandteAutharis wäre, der seinem Herrn über die Gestalt der Braut berichten solle.Da ihm ihre Schönheit wohl gefiel, erklärt er, daß die Langobarden sie zuihrer Königin wünschten, und erbat einen Becher Weins aus ihrer Handentgegennehmen zu dürfen. Als Theudelinde ihm den Becher reichte under diesen nach dem Trünke ihr zurückgab, berührte er, ohne daß es jemandbemerkte, ihre Hand mit dem Finger und strich ihr mit seiner Rechtenüber Stirn, Nase und Wangen. Schamroth erzählte Theudelinde den Vor-fall ihrer Amme, diese aber sagte: „Wenn dieser Mann nicht selbst derKönig und Dein Verlobter wäre, so hätte er auf keinen Fall Dich zu be-rühren gewagt. Indessen wollen wir stille sein, damit Dein Vater nichts davonerfährt. Denn wahrlich es ist ein Mann, der es wohl verdiente, König zusein und mit Dir vermählt zu werden." 1 ) Nach einiger Zeit floh Theudelindevor dem Anzug der Franken aus Baiern (anno 589), worauf in Verona dieVermählung gefeiert wurde. In dieser langobardischen Erzählung liegt, wieman mit großer Wahrscheinlichkeit annehmen darf, der Ursprung der Rother-
') Uebersetzung von O. Abel, Geschichtschreiber d. d. Vorz., 8. Jh. Bd. IV, 2. Aufl. vonR. Jacobi S. 66 ff.