§ 80. König Rother.
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in verstellter Person die Werbung; die Schuhprobe. Besonders charakteristischfür die Gleichheit der Rother- und Osanctrixsage ist die Vereinigung derWerbungssage mit der Dienstmannensage (s. S. 298).
Die grundlegenden Hauptpunkte sind in den beiden Versionen zum Teilverschieden gruppiert, ihr Zusammenwirken und die ganze Tendenz ist andersgewendet. In O. geschieht die Entscheidung durch Kampf: die Eingekerkertenwerden durch eine Schlacht befreit, die Königstochter wird gefangen ge-nommen und als Beute mit fortgeführt; in R. durch List: die Prinzessin er-bittet die Gefangenen, sie wird durch Falschmeldung Rothers auf ein Schiffgelockt. In O. entwickelt sich die Handlung folgerichtig als Mannenbefreiungs-sage und Brautraub durch Kampf, aber die Schuhprobe paßt nicht hinein,eine Erkennungsszene ist überflüssig, da Osanctrix die Braut ja schon alsSieger in seiner Gewalt hat. Die Entführungsgeschichte am Schluß istin O. nur äußerlich mit der Dienstmannengeschichte verbunden. Die Hand-lung in R. dagegen ist ein typischer, durch List geleiteter Brautraub,die mit der Dienstmannengeschichte geschickt verarbeitet ist, indem die Be-freiung der Getreuen ein motivierendes Glied in der Werbehandlung bildet.R. hat die ursprüngliche Werbungssage hinter allen Erweiterungen bessererhalten als O., am Schluß aber geändert: mit Ymelot wird eine dem ur-sprünglichen Sagentypus fremde Figur hineingebracht 1 ) und an Stelle Kon-stantins gesetzt, denn der Schlußkampf muß zwischen dem Werber unddem Brautvater stattfinden; und zwar nach der Entführung, während erhier vor dieselbe verlegt ist und die List zur Flucht auf das Schiff begrün-det. O. steht trotz scheinbarer Einfachheit und Regelmäßigkeit doch derursprünglichen Quelle ferner und zwar deshalb, weil die alte Werbungssagestark unter dem Einfluß des Machtmotivs steht. Das Interesse an der Wer-bung und an den gefangenen Boten 2 ) tritt zurück. Das Zusammentreffender beiden Herren, Osanctrix und Melias, wird erzählt wie ein historischesEreignis, zuerst werden Verhandlungen über die Aufnahme in die Vasallitätgepflogen, als diese sich zerschlagen, kommt es zum Kampfe, der mit demSiege der fremden Eindringlinge und der Gefangennahme der Königstochterendet und einen dem Sieger günstigen Staatsvertrag zur Folge hat. In diesemVerlauf wird die Werbungssage mit den dazu gehörigen Motiven — dieVerkleidung als vertriebener Vasall, das Zureden der Oda und vollends dieSchuhprobe — nicht mehr recht verständlich.
Diese äußern Unterschiede der beiden Sagenfassungen sind begründetin den Stilgattungen, denen sie angehören, also in der Verschiedenheit,die besteht zwischen der Anschauungsform der niederd. Heldensagen undder hochd. Spielmannsdichtung. Die Scheidung zwischen beiden liegt im
') Ymelot als „abgewiesener Freier undNebenbuhler Rothers" s. Panzer, Hilde-Gu-drun S. 343 f.
2 ) Die Gefangennahme der Gesandten und
der damit verbundene Briefwechsel hat Aehn-lichkeit mit der Erzählung von Samson undEisung, Thidrekssaga Kap. 11.