292 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.
Demnach hatte die Münchener Hs. den Versbestand am ursprünglichsten bewahrt, währendH schon erweitert hat. A und E B sind Reim und Vers glättende Umarbeitungen, in denender alte Text sehr stark verändert ist.
Die Überlieferung des Gedichtes ist, da die einzige vollständige Hs. H sehr fehlerhaftst und die Bruchstücke viel geändert haben, recht ungünstig.
Der Dialekt des Gedichtes ist, wie sich aus den Reimen ergibt, mittel-frk. 1 ) Der Verfasser war ein Spielmann, er dichtete aber für den bairischen Adel.
Für die Bestimmung der Abfassungszeit stehen nur allgemeine Gesichts-punkte zu Gebote: die Erwähnung des Meraner Herzogtitels und die Beschaffen-heit der Verstechnik weisen etwa auf das Jahrzehnt von 1150 bis 1160. 1 )
Der Inhalt des Gedichtes beruht auf einer Wiederholung des Grundmotivs, er bestehtalso aus zwei Werbungsgeschichten.
A. Erste Werbungsgeschichte 1—2942. I. Rothers Werbungsplan 1—429. DieHofgenossen raten dem jungen König zur Heirat. R.s Boten, Söhne seines vertrauten Rat-gebers Berchter, werben die Botschaft bei Konstantin in Konstantinopel, aber der läßt sieins Gefängnis werfen. Trauer Rothers um die treuen Boten. II. Rothers Reckenfahrt430—1908. R. zieht in Verkleidung als verbannter Recke unter dem Namen Dietrich mitHeer nach Konstantinopel, darunter die Riesen Asprian und Widolt. III. Die Liebesszene1909—2322. R., in das Gemach der Prinzessin gebeten, legt ihr als Geschenk zwei kost-bare Schuhe an und gibt sich ihr dabei als König R. zu erkennen. IV. Freigabe der ge-fangenen Boten 2323—2562. Auf Bitten R.s werden durch Vermittlung der Prinzessindie Gefangenen aus dem Kerker zur Mahlzeit geführt. An einem Harfenlied, das R. hintereinem Vorhang spielt, erkennen sie ihren Herrn. Große Freude des Wiedersehens. V. DieEntführung 2563—2942. Der Heidenkönig Ymelot fällt ins Land. Bei der kriegerischenVerwirrung lockt R. die Prinzessin auf sein Schiff und entflieht mit ihr in seine Heimat.
B. Zweite Werbungsgeschichte 2943—4995. 1. Die Rückentführung 2943—3268.Ein Spielmann als Kaufmann verkleidet lockt durch seine kostbaren Waren die GemahlinR.s auf sein Schiff und bringt sie ihrem Vater zurück. II. Das Wiedergewinnungs-abenteuer 3269—4757. R. zieht mit Heer nach Konstantinopel. Er kommt in Verkleidunggerade zur Vermählungsfeier seiner Frau mit Basilistium, dem Sohn Ymelots. Er wird ent-deckt, zum Galgen geführt, aber durch sein Heer und das des befreundeten Grafen Arnoltbefreit. III. DieHeimkehr 4758—4995. Als Sieger kehrt er m it seiner Frau nach Bari zurück;ihr Sohn ist Pippin, der Vater Karls des Großen. Belohnung der getreuen Mannen.
C. Anhang 4996—5201 Pippins Schwertleite. R. und seine Frau und Berchter ziehensich ins Kloster zurück.
Die Entführungsepen haben auch ihre bestimmte innere Form, die Auf-fassung der Personen und Handlungen ist typisch. Die Personen zerfallen inzwei Gruppen: der werbende Held mit seinen Mannen, dabei ein oder mehrerestarke Helfer; 2 ) diesen gegenüber die Familie der Braut: der unerbittlicheVater, die Jungfrau und ihre Mutter, die der Werbung günstiggestimmt sind. 3 )
Unser Gedicht stellt einen Höhepunkt der spielmännischen Erzählungs-kunst dar in seiner Frische und unmittelbaren Lebensempfindung. Un-
') Scherer aaO.; ROckert S. LV ff.; Ed- rolf. Diese hilfreichen Personen sind be-
zardi, Germ. 18, 388 ff.; V. Bahder, Germ. sondere Lieblingsfiguren der Spielmannsepen.
29, 278. 293 f.; Vogt, Salman S. CVI ff. 3 ) Die humoristisch-ironische Färbung des
*) Im Rother die Riesen, im Oswald der . Eheverhältnisses, in dem die Frau die klügere
Rabe, im Orendel (der indessen nicht auf I Hälfte ist, besteht auch bei Attila und Ospirin
einer Entführungssage beruht) der Fischer I in Ekkehards Waltharius, s. LG. I, 388 f.
Ise, im Salman der brüderliche Diener Mo- j