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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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288 B. Weltliche Literatur, b) Das Spielmannsepos.

Anschauung ist. Der germanische Nationalsänger ist ein Lehrer, ein Seherund Verkündiger der hohen Wahrheiten, die den geistigen Kulturbesitz seinesVolkes ausmachen, der Spielmann will unterhalten und ergötzen. Das Grotesk-Komische ist sein Element, Überlistungen, Verkleidungen, Prügeleien sindstehende Motive seines Spielplanes und in dieser niederem Richtung offen-bart sich seine Verwandtschaft mit dem Mimus.

Die germanische Form für die erzählende Dichtung war das epischeLied, die Ballade. Eine bedeutende Änderung im Vortrag und in der ganzenAnlage erfuhr diese kürzere Gattung des Liedes durch die Erweiterung zumLeseepos. 1 ) Dies geschah unter dem Einfluß der weltlichen Literatur der Geist-lichen, des Alexander- und des Rolandsliedes. Das Lied wurde mit starkmusikalischem, rezitativischem Ausdruck, wohl mit begleitendem Instrument,vorgetragen, das Epos dagegen mehr in einfachem Sprechton, ohne Musik-begleitung.

Das Epos besteht aus einer bedeutend größeren Anzahl von Motiven.Den Zentralpunkt bildet das Kernmotiv, das Sagenthema. Dieses wird be-stimmt durch die Hauptmotive, das sind die notwendigen, unentbehrlichenBestandteile, in denen sich das betr. Thema darstellt, die planbauenden(konstruktiven) Elemente. Der aus diesen Hauptmotiven bestehende Grund-stock wird erweitert durch den Anschluß einer kleineren oder größeren An-zahl von Nebenmotiven, die für den Inhalt mehr oder weniger bedeutsamsind und darum wieder in Nebenmotive ersten und zweiten Grades geteiltwerden können. Eine genaue Scheidung zwischen diesen beiden Wertgruppenläßt sich nicht machen: die bedeutenderen Nebenmotive sind solche, welchedie Handlung fortführen durch erzählenden, fabulierenden Inhalt, währenddie minder wichtigen Nebenmotive bloß zur Erweiterung, Dehnung, An-schwellung dienen. Sie können dabei ebenfalls Erzählung enthalten, fügenaber dann der Handlung kein bestimmendes Moment hinzu, sondern ver-mehren nur die Anzahl oder den Umfang der die Handlung fortführenden

') Von derliedhaften Knappheit" zurepischen Breite": Heusler, Lied u. Eposin germanischer Sagendichtung, Dortmund1905, S. 21 f., dazu Panzer, DLZ. 1908,133139; Heusler, Dialog in der altgerman. er-2ählenden Dichtung, ZfdA. 46, 189-284;Ders., Das Nibelungenlied u. die Epenfrage,Internat. Monatschr. 13. 97 ff. 225 ff.; Ders.,Nib.sage u. Nib.lied, Dortmund 1921; Ders.,Einl. zu Genzmers Uebersetzuugd. Eddal u. II;Ders., Heliand, Liedstil u.Epenstil, ZfdA. 57,1-48; Ders., Anz. 31, 115 f.; Ders., Berl. Ak.

Nibelungenballaden, Aufs. f. Braune S.85 ff.;Helm, de Boor, Die färöischen Lieder desNibelungenzyklus S. 8ff.; Baesecke, DeutschePhilologie, Wissenschaft!. ForschungsberichteIII, 1919, S. 84 ff.; Jos. Körner, Die Klageu. d. Nibelungenlied S. 31 ff.; Schneider,ZfdA. 58,97 ff.; LG. 1, 128 f. Die kurze Formder Entführungsballade hat auch neben demumfänglichen Epos weiter bestanden, aberüberliefert sind uns epische Lieder diesesInhalts erst seit dem Wiedererblühen desVolksliedes; ein Beispiel ist das Lied vom

1918 S. 153; Panzer, Das ad. Volksepos, i Ulinger mit seinen verschiedenen Abarten

Halle a. S. 1903; John Meier, Werden undLeben des Volksepos, Halle a. S. 1909, dazuHeusler, Anz. 33, 129136; W. P. Ker,Epic und Romance, London 1908; Neckel,Beiträge zur Eddaforschung mit Exkursenzur Heldensage, Dortmund 1908; Ders., Die

(Uhlands Volkslieder Nr. 74), vgl. LG. I, 65.241. Zur Entstehung des Volksepos fernerAxel Olrik, ZfdA. 51, 1 ff.; K. Krohn ebda13 ff.; Erich Bethe, Homer. Dichtung undSage, 1914.