282 B. Weltliche Literatur, a) Weltliche Epik von geistlichen Dichtern.
Ganz besonders tritt der Anteil der Baiern an den Schicksalen des Reichshervor. Naturgemäß sind sie die berufenen Verteidiger gegen die Einfälleder Ungarn; ausführlich werden bairische Sagen erzählt, so die vom HerzogAdelger schon im römischen Teile; dann die Geschichte von Herzog Ottound seinem treuen Vasallen Hermann, welche zur Ausfüllung der Regierungs-zeit Lothars I. dient; die abenteuerliche Heirat der Herzogin Agnes 16600 ff.und 17248 ff. Mehr als alle andern deutschen Städte wird Regensburg,die Hauptstadt 16822, erwähnt, besonders als Sitz für Hoftage 15243. 16152.16822 f. 16864. 17200. Dieses überwiegende, zum Teil speziell lokal ge-färbte Interesse für Baiern, 1 ) in höherem Maße aber noch dazu seine politischeStellung, die in der sympathischen Auffassung Lothars II. und Heinrichs desStolzen den entsprechenden Ausdruck findet, sind untrügliche Zeichen dafür,daß der Verfasser ein Baier war, und zwar genauer: ein RegensburgerGeistlicher. Unmittelbar auf die Persönlichkeit führt die Beobachtung derdichterischen Sprache: das Vorkommen zahlreicher gleicher Verse in derKehr, und im R.lied, zumeist in den Kampfschilderungen, und die Art ihrerVerwendung setzt einen gemeinsamen Urheber voraus, Dialekt, 2 ) Versbauund Reim stimmen ebenfalls zusammen, demnach hat der Dichter desRolandsliedes, der Pfaffe Konrad, auch die Kaiserchronik verfaßt. 3 )Die Kehr, ist das spätere der beiden Werke. Erschienen ist sie bald nach1147, die zuletzt erzählten Ereignisse, die Vorbereitungen zum zweiten Kreuz-2Ug, fallen in dieses Jahr. 4 )
Ein vielgestaltiges Leben entfaltet sich in dieser Geschichtensammlung.Die mit Personen und Handlungen reicher ausgestatteten Novellen sindKulturausschnitte, die die Sitten der Zeit widerspiegeln. 5 ) Das Leben derRitter und der Frauen ist anschaulich dargestellt in der Erzählung von derLucretia: die Frau ist liebreich, züchtig und demütig, treu und tugendhaft,sie verschönert das Leben des Mannes und hält im Haushalt auf feine Formen;der Mann dagegen verbringt seine Zeit auf Kriegsfahrten oder am Hofe mitrenommistischen Kameraden und hat rauhe Sitten. Doch auch er trägt großeLiebe zu seinem Weibe im Herzen, und wenn sie einem Frevler zum Opferfällt, ist sein einziger Gedanke die Rache. Der Sinn für Luxus und schöne
') Schröder, Einl. S. 45-50.2 ) Dia
ialekt: Schröder, Einleit. S. 52 ff.;Zwierzina, ZfdA. 45.33.38 Metrik: W.Grimm,ZGdR., Kl. Sehr. 4, Reg. S. 332; Saran S. 253;s. oben S. 273 Anm. 10.
8 ) Welzhofer S. 57—66; Scherer, ZfdA.18, 302; Schröder, Anz. 7, 191, ebda 13,115, ZfdA. 27,78; Kehr. Einl. S. 5.'50—59,bes. 55 f., Nachtr. S. 440 f. und häufig in denAnmerkungen zum Text; Kraus, D. Ged.,Reg. S. 273 u. 280 (unter Ruland); Leitz-mann lehnt Konrad als Verfasser der Kehr,ab, Beitr. 43, 26—35, dagegen Schröder,Gott. Nachr. 1918,427. Schröder hält Konradnicht für den alleinigen Verfasser, sondern
ein älterer Regensburger Geistlicher habe dasGanze angelegt und die Einleitung, Tiberiusund Constantin-Silvester gedichtet, Konradhabe dabei mitgearbeitet und vom Abschlußder Geschichte des Constantin und Silvesterdas Werk weiter geführt (Einl. S. 5. 42—45.59-64. 67 f. u. 439).
4 ) Zeit und Ort der Abfassung: Schröder,Einl. S. 39—50. 67 f.; Giesebrecht aaO.;Welzhofer S. 16 ff.; Scherer, D. Stud. 1,15, ZfdA. 18, 298 ff.; Kraus, D. Ged. S. 116Anm. 1; Nebert aaO.
5 ) Scherer, QF. 12, 86 f.; E. Henrici, ZurGesch. d. mhd. Lyrik S. 36 ff.; Nebert S. 13.