§ 79. Die Kaiserchronik vom Pfaffen Konrad. 283
Lebensführung ist rege. Nicht allein ans Kriegshandwerk denken die Männer,an Hunde, Pferde, Falken 4415 ff., sondern sie sind auch empfänglich fürdie Schönheit und Tugend der Frau. Eine höfische Sitte besteht und eine,allerdings nicht in Sprödigkeit befangene Galanterie entwickelt sich zwischen "den Geschlechtern. Man unterhält sich darüber, ob Frauengunst dem Mannehöher zu schätzen sei oder Kampf mit einem kühnen Gegner, und es knüpftsich daran* eine Lehre über die Minne, in der diese für die höchste irdischeGewalt erklärt wird; und schon hier, und hier zum erstenmal, wird die Minneals eine sättigende Macht gepriesen, die dem Mann Höfischheit und Kühn-heit verleiht, also feine Sitte in der Gesellschaft und Tapferkeit im Kriege,die beiden Gebote ritterlicher Lebensbetätigung 4575 ff. Ein fürstlicher Hof-halt bildet die Umgebung in der Crescentia 11896—12358: der Fischer,der seinen Fang zu Hofe bringt, der Ammann, die Mägde, die gütige Her-zogin, die Demut der kaiserlichen Frau und die Rohheit des Viztums — auchhier ist das Weib die edlere Natur. Das Gefühlsleben ist am stärkstenin der Faustinianlegende ausgeprägt: Abschied, Verlust der Kinder oder derGattin, Hülflosigkeit in der Einöde rufen Klaggebärden und Schmerzens-ausbrüche hervor 1300. 72. 1445. 87 f. 1512-27. 51—65. 1624—27. 1704.31. 2663—700. 39—41. 98—802. 913—18. 3830—36. 4013 f. Auch freudigeEreignisse bewirken Steigerung der Stimmung 3908—18. Aber die christ-lichen Glieder der Familie wissen die Kardinaltugend der Mäßigung, dieaoitpQoavvri oder temperantia, zu wahren und bei aller inneren Bewegungdie Affekte zu meistern 2823-2842. 2957—2960. 3919—3931. Doch ist diefeine, auf Selbstbeherrschung beruhende höfische Lebensgestaltung, zuht,mäze, noch nicht zur selbstverständlichen Bewegungsform der aristokratischenGesellschaft geworden. Die Bildung ist noch unausgeglichen. Neben Zügenvon großer Innigkeit stehen andere von erschreckender Brutalität: wie zartist die Liebe des Faustinianus zu seiner Frau 1339—1344. 1352 f. 1528—1539.1631—1636! wie rücksichtsvoll überhaupt das Benehmen der Menschen gegen-einander in dieser Erzählung, der noch von ihrer Entstehung aus dem helleni-stischen Roman eine gewisse Weichheit und Sentimentalität eigen ist! wieheimtückisch und roh mißhandelt dagegen der bösartige Viztum die demütigeCrescentia, da sie seinen Gelüsten nicht zu Willen ist! Und selbst kaiserlicheEhegatten traktieren ihre Frauen mit Faustschlägen (Justinian 12846—48,Karl d. Dicke 15443—47.).
Die Erzählungsweise ist schlicht und schmucklos, ohne Pathos undRhetorik, manchmal durch eingeworfene Ausrufe belebt, und bewegt sich ineinfachen Satzformen mit den gewöhnlichen stilistischen Mitteln. Sehr häufigsind die gleichen Ausdrücke, Sätze, Verse verwendet und solche Wieder-holungen finden sich oft in kurzen Abständen. 1 ) Gewohnheitsmäßig habensich zweigliedrige Ausdrücke und typische Formeln eingestellt, besonders
') E. Kettner, ZfdPh. 9, 285-288. 299. I Beitr.30, 431 ff.; Teubert S.3ff. 23; 33-41;Zum Stil vgl. Scherer, QF. 12,86 ;Behaghel, | Zwierzina, ZfdA. 45, 281.