§ 79. Die Kaiserchronik vom Pfaffen Konrad.
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den historischen Faden weiter zu spinnen? Wie auch immer, an einemgewaltigen Moment der Weltgeschichte hat er Halt gemacht: die Predigtdes heiligen Bernhard, 1 ) die süße Lehre des Abtes entflammt das Gemütder Christenheit, treibt die mächtigsten Könige zu folgenschweren Unter-nehmungen. Das Mönchtum hat seine höchste Macht erlangt, die Glut derGottbegeisterung ist nun in der Tat der stärkste politische Faktor geworden,reif sind die Pläne Gregors VII., ein einzelner, ein Gotterwählter, macht siezur Wirklichkeit, denn er besitzt die Macht mystischer Suggestion und dieist die stärkste in der Ideenwelt des Christentums. Diese Auffassung hatallerdings der deutsche Dichter nicht in seine schlichten Worte hineingelegt,er besitzt nicht die Ergriffenheit weltgeschichtlicher Stimmung, er fühlt sichnicht ein in die Seele der Zeit, er stattet nur Bericht ab über die äußerenErscheinungen. Er kennt auch nicht die politischen Triebe, die die Geschichteder Menschen mit Naturnotwendigkeit lenken, der Name Gregors VII. wirdnicht einmal genannt, vom Investiturstreit ist bei den Kämpfen Heinrichs V.mit dem Papste nicht die Rede. Oft begegnen tatsächliche Irrtümer, auchMißverständnisse und Verwirrungen. 2 ) Vorherrscht die Freude am Stofflichen,Geschichte ist dem Dichter immer nur die bunte Fülle von außerordentlichenBegebenheiten, auch in dem deutschen Teile, wobei er zwischen Wirklichkeitund Fabel keinen Unterschied macht. Seinen reichen Stoff entnahm er zumTeil auch hier historischen Quellen, 3 ) wobei er besonders der WeltchronikEkkehards folgte; auch wohl aus mündlicher Überlieferung schöpfte er undfür die letzten Jahrzehnte aus seinem eignen Gedächtnis. Noch aber bestandauch die alte, germanische Form geschichtlicher Tradition, das Lied, die Sage. 4 )In Balladen, epischen Liedern, wurde die Erinnerung an gefeierte Helden,besonders von den Spielleuten, durch die Jahrhunderte weitergetragen. Starksagenhaft ist die Biographie Karls des Großen (z. B. die Papstgeschichte14308 ff. 14412. ff.; das Vorstreitrecht der Schwaben 14597—14628; dieBelagerung von Arles 14885ff.; das Mädchenheer 14930ff.; 5 ) Karls Beichte15015 ff.). Mit Vorliebe wird bis zur Zeit Ottos III. von Vasallenaufständen 6 )berichtet, von unbändigen Großen, die eigenwillig dem Reichsoberhaupttrotzen, den gewählten König nicht anerkennen, ihr stolzes Selbstgefühlnicht beugen (15116 ff. 15244 ff. 15612 ff. 15754 f. 16078 ff.): so istder in der Volksdichtung so beliebte Typus des Recken, der sich gegendie bestehende Macht oder Rechtsordnung erhebt, der im Herzog Ernstwiederkehrt und in den mit den Reichsfürsten und Städten in Fehde liegendenRittern (vgl. die historischen Balladen in Uhlands Volksliedern), so auch im.Götz von Berlichingen, weiterlebt.
*) Siehe besonders Bernhards Kreuzzugs-brief an Klerus und Volk des östlichenFrankens und Baierns, Epistola 322.
2 ) „Leichtfertige Arbeitsweise", Schröder,Einl. S. 72.■ 3 ) Ueber die Quellen vgl. Welzhofer aaO.;
Schröder, Einl. S. 68—73.
*) LG. I, 17 f.
6 ) Vgl. Singer, Karl unter den Weibern,.Schweiz. Archiv f. Volkskunde 22, 112—114.
6 ) Vgl. dazu Schröder, Einl. S. 71.