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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 78. Das Rolandslied des Pfaffen Konrad.

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Untreue. Der franz. Volksdichter läßt in schlichter, aber kraftvoller Erzählung auch hierallein die Tatsachen sprechen, der deutsche Geistliche führt sie auf die entsprechendenSeelenbewegungen zurück, er findet für den Verrat auch den inneren Grund. Es ist dieNaturnotwendigkeit: Untreue ist eine Wesenseigenschaft Geneluns, denn in Strieme geistenewas nehein triuwe . . ., er muose sine nätäre begän, darum mußte er sie begehen(1953 ff. 1962 ff.). In seinem Charakter aber liegen bereit als sündhafte Anlagen die Haupt-laster Haß und Habsucht: sie sind die unmittelbaren Ursachen für seinen Treubruch und sinderst in Bewegung gesetzt durch die Urmacht des Bösen, den Teufel (1979 f., vgl. 2365). l )In Predigtweise sind Stellen aus der Bibel beigezogen, die das Laster des Verrats brand-marken: Genelun ist gleich Judas (19241943), von ihm gelten die Worte Davids imPsalm 108 (2382 ff.). 2 ) Der folgende Abschnitt, Geneluns Rückkehr (27613240), ist vonKonrad mit den gleichen Mitteln .erweitert. Das Bild Karls als des christlichen Herrschershat hier den ausgeprägten Zug erhalten, ' er ist jetzt der demütige Büßer, der entronneneKnecht Gottes, und das imperium beugt sich vor dem sacerdotium, denn dem Bischof Egidiusmuß der Kaiser beichtend seine große Schuld bekennen, damit er Gottes Huld wieder er-werbe 3 ) (29943025. 30483065).

Schon das franz. Gedicht hat in verwirrender Fülle und häufiger eintöniger Wieder-holung die stärksten Mittel angewendet, um die Riesenmassen anmarschieren zu lassen,bis endlich die Katastrophe das übermenschliche Ringen auflöst. Die hier schon ins Maß-lose gehäuften Einzelmotive wurden aber von Konrad, wie das der erweiternde Stil ver-langte, noch wiederholt oder ins Breite gezogen, pedantisch, ohne Erfindungsgabe. Dabeisind diese franz. Schilderungen von einem idealen Glanz durchleuchtet, denn die Liebe zumVaterlande ist es, die die Herzen der Helden erfüllt, sie treten für ihr Volk ein, währendKonrad seine stereotypen Kampfmodelle nicht mit dem hohen Geist seines Werkes, derHingabe für das Gottesreich, zu durchtränken verstand; denn nur vereinzelt kommen hierreligiöse Stellen vor, etwa wenn Christus oder Petrus und Mahmet einander gegenüber-gestellt werden, oder in den V. 4719^4722. Abef die Technik'der Kampfschilderung warin der deutschen Heldendichtung doch so kräftig entwickelt, so reich an lebensvollen, jagroßartigen Bildern, 4 ) daß auch der Geistliche, aus diesem Born der Poesie schöpfend,sein Werk mit künstlerischen Treffpunkten ausstatten konnte. In den letzten Kämpfen derdrei christlichen Helden, von der Verwundung Oliviers bis zum Ende Rolands (63726949),hat Konrad wenig hinzugefügt (= Chanson 19402396), und hier hat er den richtigen Tongetroffen. Nach aller Zerstörung des Lebens bringt der nahende Tod die Versöhnung, derFeindeshaß wird überstrahlt durch die Freundesliebe, in zarter Herzenswärme sorgen diedrei letzten lieben Gesellen umeinander, ihr Scheidegedanke ist Gott und der Kaiser Karl.Im letzten Teil, in der Paliganschlacht und der Bestrafung Geneluns (69509016), hatKonrad den Versbestand seiner Vorlage nicht erheblich überschritten, den geistlichen Cha-rakter hat er aber auch hier verstärkt. 5 ) Bezeichnend ist, wie er die beiden einzigen Frauen-gestalten des Gedichtes, die sonst nur nebensächlich genannt sind, hier am Schluß hervor-treten läßt: mit ihnen will er Beispiele weiblichen Glaubenseifers geben, und so ist Brech-munda der Typus der getauften Heidenkönigin, die zu einer Bekennerin des Christentumswird (86178630. 86458656), Alda, Rolands Braut, die Jungfrau, die mit rein bewahrtemMagdtum die Erde verläßt (86858728).

Nach dieser Gegenüberstellung der beiden Gedichte bedeutet die Um-arbeitung des Nationalepos in die Märtyrerlegende künstlerisch eine Ab-

) Zwei Mächte bestimmen hier den Willendes Menschen, die angeborene böse Natur(vgl. Schütz, Thomaslexikon 2 S.514: naturain se recurva est) und der Teufel.

2) Judas und der 108. Psalm sind typischeStellen für Verrat und Verleumdung, vgl.

Augustins Psalmenkommentar zu Ps. 108.

3 ) Vgl. Kehr. 15015-15068.

4 ) Golther S. 131136; BaumgartenS. 28 ff.

<) Golther S. 108.