266 B. Weltliche Literatur, a) Weltliche Epik von geistlichen Dichtern.
Schwächung. Die Verringerung des poetischen Wertes liegt nicht in derVerschiebung der Idee, in der Umgestaltung des Todesopfers für das Vater-land zu dem für den Glauben, sondern im Stil. Die erweiternde Stilisierungzersprengte die festen Umrisse, die monumentale Kraft, die dramatischeBewegung, die vorbrechende Leidenschaft sind in weiten Strecken gehemmtdurch geistliche Rhetorik. Denn die Kunstform des franz. Gedichtes istgedrungene Architektonik, die Tiraden sind in sich geschlossene Einheiten,jede ein Glied für sich. Oft haben mehrere hintereinander den gleichenInhalt. Diese „Paralleltiraden" fallen ebenfalls unter das Prinzip der Er-weiterung und die beiden Gedichte stellen zwei Arten dieser epischen Stufedar: in der Chanson wird der gleiche Gedanke mit leichter Änderung, oftunter gleichen Ausdrücken, in mehreren Tiraden wieder gesagt, die Er-weiterung geschieht also durch wiederholende Nebeneinanderreihung desgleichen Stoffteils, das deutsche Lied erreicht demgegenüber den größerenUmfang durch Ausdehnung des betreffenden Stoffteils zu einem einzigenumfangreichen Abschnitt. Dort ist das Gefüge aufgelöst in plastische Einzel-formen, hier breitet es sich aus in langgezogenen Linien. Jene Stilart istder unmittelbare Ausdruck markigen Reckentums, diese entspricht der geist-lichen Auffassung vom Rittertum.
Die Formung der Sprache 2 ) war für den Verfasser der christlichenHeldendichtung vorgezeichnet: es ist der herrschende Spielmannsstiel, inden aber mit der religiösen Färbung des Stoffes geistliche Bestandteileeindrangen, Einzelheiten im Ausdruck, in Formeln und auch in größerenpredigtmäßigen Partien. Es kommen also alle Eigenschaften der zeitgemäßenepischen Sprache zur Geltung: typische Epitheta, Doppelglieder, Parallelismusund Antithese, Metaphern und Bilder, Hyperbel. In parataktischem Satzbaubewegt sich die einfache Ausdrucksweise, zuweilen belebt durch rhetorischeFragen und Ausrufe. Vom Stil des franz. Gedichtes ist das deutsche wenigbeeinflußt. Der ganzen Stimmung entsprechend ist auch das Temperamentder sprachlichen Darstellung gemäßigter, die kräftigen franz. Beschimpfungensind nicht wiedergegeben. Auffallend gering ist die Zahl der lat. Wörter. 3 )
Rhythmisch gehört das Rl. zum ungleichen Typus, da kürzere undlängere Verse wechseln, die Assonanzen bewegen sich in mäßigen Grenzen. 1 )
Unter den Beziehungen zu andern Gedichten sind die zur Kehr.,die ja den gleichen Verfasser hat, außerordentlich eng, die zum Alexander-liede von besonderer literarischer Bedeutung (s. oben S. 250 f.). Anklänge,die zum Teil auf unmittelbarer Entlehnung beruhen, finden sich ferner an
>) Golther S. 140 ff.
-) Thamhayn, Hallenser Diss. 1884; Gol-ther S. 124ff.; Baumgarten aaO.; Pniower,ZfdA. 33, 80—97; Leo Wolf, Der groteskeu. hyperbol. Stil, Pal. 25, 8 f. u. ö.; Behaghel,Beitr. 30, 431 ff.; ferner die unten bei d. Spiel-mannsdichtung angeführten Abhandlungen.
3 ) Wald S. XIII; Grunewald S. 33 f.
4 ) Franz Spencker, Zur Metrik des deutsch.R.liedes, Rostocker Diss. 1889; Ernst Opper-mann, Die Versschlüsse der Form: xx (x)im deutschen R.lied, Greifsw. Diss. 1913;MSD. II 3 , 160; Zwierzina, ZfdA. 44, 43 Anm.u. 94. 45, 38. 281; Schröder, Gott. Nachr.1918 S. 426. 427.