262 B. Weltliche Literatur, a) Weltliche Epik von geistlichen Dichtern.
Mit dem Nationalgesang der Helden von Ronceval wird die Entscheidungs-schlacht bei Hastings (1066) eröffnet: Taillefer, dem Heere des Normannen-herzogs Wilhelm voranreitend, sang sehr schön von Karl dem Großen, vonRoland und von Olivier und von den Rittern, die bei Ronceval fielen. 1 )Spärlich sind diese Erwähnungen von dem Fortleben der Rolanddichtungbis zu dem auf uns gekommenen Epos, aber sie bezeugen doch die Ver-ehrung, die diese Reckengestalten in der Volksseele gefunden hatten.
Behandlung der Quelle. Mit der" Versicherung, er habe zu seinerQuelle (daz buoch 9080, 2 ) nichts hinzugefügt und nichts weggelassen, willder Dichter das Vertrauen in die Zuverlässigkeit seiner Arbeit verstärken,denn, eine Übersetzung soll nach den Anforderungen des Mittelalters den,Stoff wahrheitsgetreu wiedergeben, das heißt so wie ihn die Vorlage über-liefert. Dabei ist aber dem Bearbeiter ein weiter Spielraum gelassen, erdarf zwar die bedingenden Tatsachen nicht ändern, aber er kann sie unterUmständen sehr frei stilisieren. In letzterem Sinne hat der Pfaffe Konradseine Quelle behandelt. 3 ) Er hat trotz seiner gegenteiligen Behauptungmanches übergangen, und, besonders in der ersten Hälfte, noch sehr vielmehr hinzugetan, so daß der Umfang des deutschen Gedichtes den desuns erhaltenen altfrz. fast um das Doppelte übertrifft. Aber er folgt damitnur der üblichen mhd. Übersetzungsmethode, er erweitert die knappereErzählungsweise seiner Vorlage zum breiten Epenstil. Nebendinge scheuter sich nicht wegzulassen, wie etwa kurze Situationsschilderungen; Natur-bilder, die als Orts- und Zeitangaben dem landschaftlichen HintergrundFarbe verleihen, läßt er weniger zur Geltung kommen; 4 ) allzu leidenschaft-liche Affektausbrüche werden gemäßigt oder, ganz unterdrückt. Dagegendehnt er oft erheblich die Reden, die Schilderungen von Kämpfen undGewändern, die Beschreibungen von Personen und Charakteren, Stimmungs-szenen wie Abschieds- und Totenklagen. Diese Änderungen sind immernoch mehr formaler, stiltechnischer Art, bloße Erweiterungen schon vor-handener Stoffteile. Aber er hat durch starke Hervorhebung der innerenVorgänge und durch unablässige, alle Einzelheiten durchdringende Be-tonung des religiösen Elementes dem geistigen Gehalt eine andereRichtung verliehen, das ist nicht mehr eine stoffliche, sondern eine ethischeUmwandlung und darin liegt der Wesensunterschied zwischen den beidenGedichten. Tapferkeit und Mannestreue, die sittlichen Grundbedingungen
') So berichtet der normannische Trouvere son de Geste voraus.
Wace in seiner historischen Dichtung, der'Rou' genannten Normannenchronik (um1160-1170), zur Schlacht bei Hastings. DieSzene hat Unland seiner bekannten Balladezugrunde gelegt, vgl. dazu Uhlands Schriften4, 352 f. Jener Bericht über den GesangTaillefers beweist nur für das Fortlebender Sage in Liedern und setzt nicht un-
) Vgl. W. Grimm, Ausg. S. XXXI ; GoltheraaO.; Ottmann, Al.lied S. XIX; Wilmanns,ZfdA. 50, 137 ff.
3 ) Siehe Golther aaO., bes. Kap. I. II. III.
4 ) Landschaftszitate bei Konrad sind z. B.1168. 1669. 1919 f. 2178, dazu 2411—2414.2918; ferner 66. 643 f. 891. 2985. 2987. 3334.3341. 3962; etwas ausführlicher 393—400;
bedingt eine Stufe der uns erhaltenen Chan- | vgl. Golther S. 142 f.