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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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260 B - Weltliche Literatur, a) Weltliche Epik von geistlichen Dichtern.

Dichtung, das altfrz. Volksepos im eigentlichsten Sinne, ist das Werk einesunbekannten Volksdichters aus der Isle de France oder der Normandie undwurde nach der Eroberung Englands durch die Normannen, also nach 1066,wahrscheinlich erst um 1100, in einreimigen Tiraden, ungleichen Strophen,in denen ein und derselbe Reim assonierend durchgeht, abgefaßt. In ur-sprünglicher Form ist uns das altfrz. Epos nicht erhalten und auch der aufuns gekommene älteste in Assonanzen abgefaßte Text (Anglonormannisch,Oxforder Hs. O, um 1170, und weniger wertvoll und später, ca. 1240, dieVenetianer Hs.V 4 ) stellt nicht die Fassung dar, die der Pfaffe Konrad ge-kannt hat, denn seine Bearbeitung enthält manche sicher ursprüngliche Züge,die sich in der auf uns gekommenen franz. Überlieferung nicht finden. 1 )Manches Altertümliche aus der altfrz. Sage hat die isländische Prosaüber-tragung in der Karlmagnussage (13. Jh.) bewahrt.

In Deutschland war die Erinnerung an Karl den Großen als einenmächtigen und gerechten Herrscher nie erloschen, seine überragende poli-tische und kriegerische Bedeutung befestigte seinen Ruhm für alle Zukunft.Aber diese Überlieferung pflanzte sich mehr auf gelehrtem Wege fort, imVolke bewahrt wurden nur spärliche Sagensplitter. 2 ) Den Westfranken da-gegen wurde Karl, der große Kaiser, zum Nationalhelden, zum Herrn desheroischen Zeitalters. Die zu reicher Entfaltung gelangte franz. Karlssageging dann durch die Dichtung in die deutsche Literatur über. Das ältesteist hier das deutsche Rolandslied. Das höfische 13. Jh. aber hat Karl unterdie großen Menschen eingereiht, denen die verehrungssüchtige Ritterschafthuldigte.Er, der vil scelige man, hat eine Gemeinde von Freunden ge-wonnen. Alle die; welche ein eigenes Urteil haben, tragen ihm holde Ge-sinnung, denn er war recht und gut in allen seinen Dingen. Das höchste Zielhat er erreicht, das einem Laien vorbehalten ist er hat der Welt Ruhm erlangtund seine Seele hat das Himmelreich erworben". 3 )

Der geschichtliche Ursprung der Rolandssage liegt in dem Kriege Karlsdes Großen gegen die Araber in Spanien. Als der Kaiser im Jahre 777

') Das Verhältnis des deutschen Gedichteszu der altfranz. Ueberlieferung behandeltGolther aaO.

*) Vgl. LG. I, 91; Golther S. 146 f.Ueber die Bemerkung der Kehr. 15072 Karlhat ouch enderiu liet s. Schade, Decas S. 65f.;Schröder, ZfdA. 27, 79, Kehr. S. 50. 55;John Meier, Beitr. 16, 85. 100 f. Karls Per-sönlichkeit als Fürstenideal s. Scherer QF.12, 83 f. und unten bei Kehr. Ueber dieKarlssage s. die altfrz. Literaturgesch., bes.Gröbers Grundr. II, 1, 447 ff. 535 ff. 792 ff.;Voretzsch, Einführung 1 S. 106 f. 108136.205 ff.220 ff.; Piper S. 1416; J. Kirchhoff,Zur Gesch. d. Karlssage in der engl Lit. desMA.s, Marburger Diss. 1916; Seelmann, Ver-handl. d. 48. Philol.-Vers. in Leipzig 1905;Masing, Balt. Monatsschr. aaO.; Franz Kam-

pers, Die Mär von der Bestattung Karls d. Gr.,Köln 1918; ü. Rauschen, Die Leg. Karlsd. Gr.im 11. u. 12. Jh., Leipz. 1890, dazu Schröder,Anz.20,251255;A.DüRRWÄCHTER,DieGestaCaroli Magni der Regensburger Schotten-legende, Bonn 1897, dazu Schröder, Anz.26,256258; O. Freitag, Die sog. Chron. v.Weihenstephan, Hermaea I, 1906. Kultur-geschichtliches : A. M. Weiss, Die Entwicklungdes christl. Rittertums im R.lied, Hist. Jahrb. d.Görresgesellsch.l (1880), 107 140;Bresslau,Rechtsaltertümer im R.liede, Archiv 48, 291 ff.,Mitteil. d. Vereins f. thüring. u. sächs. Landes-kunde IV, 1, 172; F. E. Mann, Das R.lied alsGeschichtsquelle u. d. Entstehung der R.Säulen.3 ) Strickers Karl d. Gr., Prol. 41 ff.(Bartschs Ausg. von Strickers Karl S. 2).