§ 78. Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. 257
ist symmetrisch angelegt: auf der einen Seite stehen die Gesinnungen undTaten der Christen, auf der andern die der Heiden; hier Wahrhaftigkeit undHeldensinn, dort List und Trug, hier rechte Demut und Glaube, dort Hoch-mut und Götzendienst, hier der himmlische Lohn, dort die Verdammnis.Die Heiden sind verworfene Söhne des Teufels, aber doch nicht unrettbarverloren, auch werden sie nicht mit wildem Fanatismus verfolgt. Haß be-steht nur so lange gegen sie, als sie Feinde des Christentums sind, undJieber schreitet man zur Taufe als zur Vertilgung.
I. Prolog 1—30:') Anrufung Gottes; Karls Lebensaufgabe; Bekehrung der Heiden.
II. Hauptteil 31—9016 besteht aus Beratungen (A) und Kämpfen (B).
A. Die politischen Verhandlungen 31—3240: a) Beratungen Karls und seiner Paladine31—272. b) Die ersten Kämpfe mit den Heiden 273—384. c) Beratung der Heiden 385—624unter ihrem König Marsilie und geleitet von dem alten Blanscandiz. d) Beratung der Christen625—1749. e) Genelun als Gesandter bei den Heiden, sein Verrat 1750—2760.
In Genehm ist ein seelisches Problem entworfen, alle andern Personen sind festeTypen, er allein macht eine Entwicklung durch. Er ist ein schillernder, ein zwiespältigerCharakter. Er ist nicht absolut schlecht. Er ist ein glänzender Ritter von großer Schönheit,er besitzt weiche Gemütseigenschaften, er liebt seine Frau, seinen kleinen Sohn, seineMannen hängen mit rührender Treue an ihm; er ist tapfer (2018 ff. 2071 ff.); aber als ihmdie unheilvolle Botschaft aufgetragen wird, verliert er in der Sorge um Weib und Kindallen Mut, Furcht befällt ihn, er erbleicht (1382), er läßt den dargereichten Handschuhzitternd zur Erde fallen (1430 ff.), er wirft in der Erregung den Mantel zu Boden (1453), erweint heftig (1458). Er ist charakterlos von Natur, in ihm ist der Ungetreue gezeichnet,■der die oberste Pflicht und Tugend des Vasallen verletzt, die Mannentreue. Damit ist er•der moralische Widerpart des Getreuen, Rolands. Der erste Beweggrund zu seinem Abfallist der Haß gegen Roland, des weiteren wird er dazu verführt durch die Bestechung derHeiden, die seine Habsucht rege macht; an diesen beiden Lastern packt ihn der Teufel (1979,vgl. 2365). Er ist ein Judas geworden (1925 ff., vgl. 2375 ff. 6103) und bald ist der letzte-sittliche Halt, die Verehrung, die selbst er auch in seiner inneren Zerrüttung noch demKaiser zollte, geschwunden. Jetzt ist sein Gewissen so abgestumpft, daß er es ruhig hin-nimmt, wenn der Kaiser vor Leid über den Verlust seiner verratenen Helden sterben wird(2471-2476).
B. Die Kämpfe 3241—8672. Held dieses Vernichtungskampfes ist das fränkische Heer,allen voran Roland, ihm zur Seite Olivier und Turpin. Antithetische Parallelgruppierungund Wiederholung sind auch hier die technischen Mittel, durch welche der an sich gleich-förmige Stoff zu großem Umfang gedehnt wird.
a) Die Vorbereitungen 3241—4016. Beschreibung der Ausrüstung; der sittliche Gegen-satz zwischen Christen und Heiden: Demut mit Gottesdienst und Beichte — Hoffart mitTanz und Saitenspiel und Götzendienst 3361—3367. 3393—3530. Das gleiche Kontrastmittel■wird übertragen auf die beiderseitigen Heerführer: die Heiden 3531—3844, die Christen3845—4016. Die Gefahr naht, Olivier, fordert Roland auf, Karl durch den Hornschall zuHilfe zu rufen, aber er weigert sich zu blasen, denn den Heiden ist vor Gott ihr Urteilgesprochen, aber die Gottes Märtyrer werden mit Blut entsühnt. 8 ) Diese himmlische Zu-versicht führt das Christenheer ins irdische Verderben.
b) Die Schlacht bei Runzeval 4017—6949, nahezu 3000 Verse umfassend, zei-lällt, da das heidnische Heer dreimal vernichtet wird (5190. 5423. 5630) in 4 Abschnitte:1. 4017—5190 (Zweikämpfe, Herausforderung, gelpf; 3 ) der eigentl. Kampf ist immer kurz, der
') Die Zeilenziffern nach der Ausg. vonBartsch, in der die Seitenzahlen der Ausg.von W. Grimm am Rande notiert sind.
Deutsche Litersturgeschichte. IL 17
2 ) Vgl. G. Paris aaO. S. 122.s ) LG. I, Reg. S. 459 unter Gelf.