§ 77. Das Alexanderlied des Pfaffen Lamprecht. 251
Pfaffe Konrad der Entlehnende ist. 1 ) Somit steht das Al.lied an der Spitzeder neuen, von Geistlichen gepflegten weltlichen Epik.
Der vorhöfische Straßburger AI. ist dann ein Verbindungsglied zu derhöfischen Dichtung, Veldeke hat ihn wohl gekannt und stilistisch von ihmgelernt: viele Stellen in seiner Eneide sind ihm nachgebildet. 2 ) Auch inEilhards Tristrant finden sich Parallelen. 3 )
Der ethische Gehalt. Das Al.lied in seiner ganzen Ausdehnung (V-j-S)ist ein biographischer Roman, der das Leben des Helden von der Geburtbis zum Tode umfaßt. Diese Lebensgeschichte zerfällt in drei Perioden:Als Jugend bis zum Tod seines Vaters Philippus (71 V —558 V); seine Er-oberungszüge, Schlachten, bis zum Tode des Porus (559 V —4761 S); seineReisen in die Wunderländer des Orients und sein Ende (4762 S—7278 S).
Schon die griechische Al.überlieferung besteht zugleich aus Geschichteund aus Volks- und Länderkunde, der Pseudokallisthenes ist ein historischerund zugleich geographischer Roman. 4 ) AI. dem Großen ist somit ein doppelterWirkungskreis zuerkannt, er ist nicht nur Eroberer, sondern auch Entdecker. 5 )Innerhalb dieser beiden Gebiete, Krieg und Wunderwelt, spielen sich ebensoim m.alterlichen Al.epos die orientalischen Begebenheiten ab.
In der altdeutschen Literatur hat AI. und seine Geschichte eine großekulturelle Bedeutung erlangt: der Stoff trug schon in sich in hohem Maßedie beiden Eigenschaften der Dichtkunst, zu unterhalten und zu belehren,denn er bestand aus einer Mischung von Fabelei und Wirklichkeit. Dieheldenhaften Taten, die Wunder der fremdartigen morgenländischen Welt,die seltsamen Abenteuerlichkeiten ergötzten die Phantasie: wunderlich (ad-niirabilis) wunderbar, Wunderbares schaffend wird AI. oft genannt, schonim Annolied 326. Geschichte und Länderkunde, dazu vor allem Moralkonnte man lernen, denn die großen historischen Ereignisse und die Schilde-rungen fremder Länder und Menschen bereicherten die Kenntnisse in jenenWissenschaften und der mit allen Fürstentugenden ausgestattete König gabein treffliches Musterbild ab für hohe Herren.
') Vgl. dazu und über die Priorität desAl.liedes: Scherer, QF. 7, 62 f. 12,79. 81Rödiger, Anz. 1, 87. 13, 115; Kinzel, EinlS\ LVll ff; Schröder, ZfdA. 27, 70 ff., DLZ1885,784—787,Kehr.S 57; Wilmanns, ZfdA50, 137—145; V. Bahder, Germ. 30, 3931(AI. u. Kaiserchron , AI. u. Rother), KinzelAnm. zu 1403 (S. 448); Linzer, Apolloniusv. Tyrus S. 223 (AI. u. Apollonius v. Tyrus)Ottmann, Einl. S XVII ff.
2 ) Behaghel, Eneide, S CLXXX-CLXXXV:Scherer, QF. 7, 60; Rödiger, Anz 1,78Harczyk S. 29 f.; Kinzel, ZfdPh. 14, 1—18
3 ) Lichtenstein, Eilhart v.ObergeS CLIVf.Ders., ZfdA. 26,13—16; Wilmanns, ZfdGymnwesen 36, 708, ZfdA. 27, 294—298; KinzelZfdPh. 14,111; Schröder, DLZ. 1882,568
571. 1883, 155); Gierach. Sprache EilhartsS. 253. Beziehungen zwischen Al.roman undLanzelet: Wilmanns, ZfdA. 45, 245-248;AI. u. Nibel.lied: Droege, ZfdA. 51, 199 f.
4 ) Rohde aaO ; Schwartz aaO.
5 ) Schwartz S.76ff. 90 f.; Walter Otto,Marburger akadem. Reden Nr. 34, Marburg1916, S. 11 ff.; Der Charakter Als im Pseudo-kall.: Ausfeld, Griech. AI roman S. 235—237;Kampers an verschiedenen Orten. — Diebeiden Gebiete waren von jeher in der roman-haften Geschichtschreibung der Griechen ver-einigt, schon die homerischen Epen scheidensich nach den beiden Stoff kreisen: die lliasmit ihrenKämpf en alsHeldenepos, die Odysseemit ihren wunderbaren Ländern und derenBewohnern als Reiseroman.