Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
232
Einzelbild herunterladen
 

232

A. Geistliche Literatur, f) Naturwissenschaft.

Im ersten Absatz (1), 1*, 120 wird erzählt, Gott hat die Erde vorn Meer geschieden, hat sieaber doch nicht, ohne Wasser gelassen, aus der Erde entsprangen Quellen, Seen, Flüsse;die Berge erhoben sich auf ihr. Die Schöpfung der Wasser und Berge durch Gott ist Ps. 103entnommen, was der Verfasser selber andeutet, 1 ) und bildet die Einleitung für das Folgende.Hier ist die Disposition gegeben, denn es wird nun von dem Meer, von Flüssen, vonQuellen gehandelt, und zwar im Absatz 11= l a , 21lb, 48 vom Meer, De Maris Diuersitate:Verschiedenheit der Meeresfärbung, das rote Meer nach Isidor XIII, 14,3, dazu XIII, 17, undHonorius Aug., De imagine mundi 1 Kap. 46 (Migrie 172, 135). Dann De lebirmere: DasLebermeer", das geronnene Meer, mare concretum, in dem die Schiffe haften bleiben, liegtnach den Erzählungen der alten Geographen im nordwestlichen Meer Europas jenseits Britan-niens. 2 ) Daran schließt sich der III. Absatz = l b , 4983 über Island, denn das Lebermeerwurde in die Nähe dieser Insel versetzt, die mit Thule (Thyle) für eins erachtet wurde. 3 )

Die Nachrichten über Island verdankt der Verfasser des Gedichtes, wieer angibt, der mündlichen Mitteilung eines Geistlichen. Er kommt dabeiauf persönliche Erlebnisse zu sprechen:In der Heimat hatten wir zweisich befehdende Bischöfe, auf der Flucht aus diesem Kriege kam ich nachUtrecht, da fand ich den sehr guten Reginpreht, einen erfahrenen Mann, ehr-baren Pfaffen"; der erzählt ihm die Zustände Islands, die er dann hier wieder-gibt (l b , 6583). 4 ) Ebenfalls auf mündlicher Überlieferung (Daz ih ouh

') Die ersten leserlichen Worte, MSD. II 3S. 93 Var. vor V. 1, scheinen sich auf Gen. 9,11 zu beziehen: neque eritdeinceps diluviumdissipans terram, auf welche Stelle Cassiodorin seinem Psalmenkommentar zu Ps. 103, 9 f.verweist (Migne 70,731 B). Die darauffolgendeStelle (iz ... louffit.. .) betrifft Flut und Ebbe,nach Isidor XIII, 18, 1; Honor. Aug. De imag.mundi 1 Kap 40.41 (Migne 172,133 D. 134 A).

2 ) Ueber das mare concretum s. Müllen-hoff D.AK. 1, 410425 und MSD. II 3 ,190192. Für das MA. sind auch hierlsidorsEtymologien Ausgangspunkt (unde et pigrumet concretum est eius [= OceaniJ mare XIV,6,4); vgl. Conr. Hofmann, Münchener SB.1865, 2, 119; Bartsch, Herzog Ernst, Einl.S. CXLV-CXLV1II; DWb. 6, 463. Das Wortliberalere, lebermeri begegnet zum erstenmalim Summarium Heinrici (Ahd. Gl. 3,114, 7 ff.= Mare mortuum), das aus Isidors Etymo-logien ausgezogen ist; dann folgt zeitlich dieBeschreibung des ,lebirmere' in unserm Ge-dicht. Das Lebermeer hat ähnliche Eigen-schaft wie das tote Meer, mare mortuum,von dem erzählt wird, daß es nicht vonWinden bewegt wird, da das Erdpech (bitumen)die Wasserbewegungen hemmt, wodurch allesWasser zum Stehen kommt (Isid. Et. XIII,19, 3; Hon. Aug. De im. mundi 1 Kap. 50).

3 ) Ueber Thule s. Müllenhoff MSD. II 3 ,190193 u. D.AK. 1, 385-410; Th. Tho-roddsen, Gesch. d. isländ. Geographie, Ueber-setzung von Aug. Gebhardt, Leipzig 1897,bes. 1 S. 54 f Thile (Tyle) erscheint in der ad.Lit. in Notkers Boethius, Piper S. 111, 32112, 15; im Lanzelet (ed. Hahn) 79908015;inderWeltchron. Rudolfs v. Ems 27192741.

4 ) Auch der Ire Dicuil gibt seine anschau-

liche Schilderung über Tile nach dem münd-lichen Bericht einiger Kleriker (a. 795) unddie Bemerkungen über die Fär-Öer nach derMitteilung eines Priesters (G. Parthey, Di-cvili Liber de mensvra orbis terrae, Berol.1870, Kap. 7, 1115, S. 4244). Mit einerim MA. nicht gewöhnlichen Kritik nimmt erdie geographischen Nachrichten über die Ver-teilung von Tag und Nacht auf der fernenInsel sowie über das Lebermeer {concretummare) und über das Eismeer (congelatummare) auf; vgl. A. Letronne, Recherchesgeographiques et critiques sur le livre Demensura orbis terrae par Dicuil, Paris 1814,S. 130 ff. Ueber den irischen Mönch Dicuil(sein Liber de mens, terrae ist 825 vollendet)s. Ebert 2, 392394; Manitius 1, 647-653u. Reg. S. 735. Adam v. Bremen (Domherrin Bremen um 1070) erwähnt in seinen Gestapontific. Hammaburg. 4, 35 das brennendeEis und den Mangel an Brennholz (MSD. II 3 ,193; Kelle S. 267) wie im Merigarto derAnonymus Leidensis das brennende Eis (überden An. Leidensis s. Manitius 1, 675678u. Reg. S. 727 f.). Notker aaO. beruft sich aufeinige cosmografi, womit er vermutlich seinerQuelle folgt.

Die Nachrichten, die der Verfasser desMerigarto seinem Gewährsmann Reginprehtverdanken will, sind oberflächlich. Auch ererzählt von dem Holzmangel und von dembrennenden Kristall wie Adam von Bremenund der Anonymus und daß man dort derWonne der Sonne entbehre; aber er redettrotzdem von dem Wohlstand und dem Vor-rat zum Nutzen und zum Ergötzen. Regin-preht, ein erhaft phaffo, war jedenfalls eineinfacher Priester, nicht Bischof, wie die