§ 75. Merigarto. 231
In der Einleitung, die der Verfasser des gereimten Physiologus selbständigvorausschickt — sie fehlt in der deutschen Prosa-Vorlage —, richtet er diecaptatio benevolentiae an die Hörer und gebietet Ruhe mit der'volkstüm-lichen Aufmerkformel so swiget uil stille. Außerdem ist der Titel angegebenphisiologus Ist ez genennet, von der tiere nature ez ans zeltet, überein-stimmend mit der Überschrift der Dicta Chrysostomi: ,De natura (naturis)animalium (bestiarum)'. 1 )
Ein kleines Bruchstück eines assonierenden deutschen Physiologus, ganzkurz den Onozentaurus und das Einhorn behandelnd, findet sich in derMünchener Hs. Cod. lat. 17195, vom Ende des 12. Jhs. Es beruht vielleichtauf dem Milstäter gereimten Physiologus. 2 )
§ 75. Merigarto.
Kelle 2, 40—42. 266—268; Piper, GD. 1, 54—60. — Ausg.: Gefunden 1834 und hgb.von H. Hoffmann: Merigarto, Bruchstück eines bisher unbekannten deutschen Gedichtsaus dem XI. Jahrhundert, Prag 1834, und großenteils wieder abgedruckt in HoffmannsFundgr.2,1—8 (dazu J. Grimm, Gott. gel. Anz. 1838 S. 547—549 u. Kl. Sehr. 5,279f.); Schade,Decas S. 18—29; MSD. Nr. 32 u. II 3 , 188—197; Wackernagel, LB. 3 S. 317—320; Braune,LB. 8 Nr. 41 u. S. 200; Piper, LB. S. 196—199. — Kelle, Serapeum 1868 S. 137 f.; Textkrit.:Rüdiger, ZIdA. 33, 417—419; Wood, Mod. Philol. 12 (1915), 495«.; Grienberger, Beitr.45, 417—429.
Hs.: Fürstl. Fürstenbergische Bibl. zu Prag, 2 zusammenhängende Pergamentbl., 11./12. Jh.
Der Titel merigarto kommt in den uns erhaltenen Bruchstücken nichtvor, er stammt von dem ersten Herausgeber Hoffmann, der das WortJ. Grimms Mythologie S. 754 (4. Ausg. S. 662 f.; vgl. auch Kl. Sehr. a. a. O.)entnahm. 3 ) Es ist = der vom Meer umgürtete, meerumflossene Raum, Erd-kreis, Welt. 4 ) Da der Inhalt des Gedichtes von Erdkunde handelt, so ist dieBezeichnung nicht unpassend.
Die Bruchstücke sind Teile einer Erdbeschreibung und handeln vonGewässern. Die Grundlage dazu bilden Isidors Etymologien, wo in Buch XIIIKap. 12—22 über das Wasser, das Meer, Meerbusen, Ebbe und Flut, Seen,Flüsse und Überschwemmungen gehandelt ist.
5 i.; trohtines: christes 77, 9 f.; kamre : inte77, 22 f.; schlechte Reime ferner 78, 14. 79, 2.80, 6 f. 80, 13 f. 81, 1 f. 82, 10 f. 83, 1. 84, 1.84, 3 f. 84, 14 f. 85, 1 f. usw. Nicht häufigändert der Verfasser aus andern als aus Vers-gründen. Er wählt manchmal Worte, die ihmgeläufiger sind oder angemessener dünken,
z. B. statt tnichilen wistutn 5, 1 schreibt ergrozzen w. 74, 1 f.; der alte iacob 5, 3 — derguote J. 74, 4; ferner geseepfide 5, 24 —nature 75, 5; in deme walde 5, 8 f. — indem tieffin walde 74, 10 f. u. dgl.; das Ver-bum queden ersetzt er fast immer durchsprechen (außer 83,10.92,10.16. 96,6.100,9,in 92, 10. 16. 100, 9 ist chovt chut chwit desReimes wegen beibehalten worden).
') Dei schopfpuch höre wirz sagen 86, 6ist nur ein Flickvers des Reimes wegen auf:
abe. Wenn unter schopfpuch wirklich einebestimmte literar. Gattung gemeint ist, somuß es die Quellen, die Physiologusliteratur,bedeuten, die Bücher, welche die Tiererzäh-lungen enthalten, die aber in diesem Fallenicht nur in poetischer Form abgefaßt zu seinbrauchten, vgl. LG. I, 64.
») Wilhelm, Komm. S. 46 f.
5 ) Es begegnet einmal im Ahd. im 8. Jh.in den Keronischen Glossen = in etherium(caeleste), also = Horizont Ahd. Glossen 1,188. 189, 12, dann erst wieder im Frühmhd.:Annol. (Rödiger) 447, Rol.l. (Bartsch) 2942,Kehr. (Schröder) 501. 6614.
4 ) Uuir uuizen däz tia erda daz uuäzerümbegät, Notkers Boethius II, 45, Piper, Not-kerl, 111, 11 f.