§ 74. Physiologus. 227
lorenen des Hieronymus) entnommen hat. 1 ) Dann fanden in die Lit. des12. Jhs. Physiologus-Motive Eingang. 2 ) In dem Gedicht von der Hochzeitwerden die Geschichten vom Adler (hier vermischt mit dem Phönix) undvom Pelikan als Beispiele angeführt (Waao 2 580 ff. 818 ff.). In der Blütezeitder mhd. Lit. im 13. Jh. waren die Allegorien des Physiologus sehr beliebt.Ganze Abschnitte wurden in lehrhaften Gedichten aufgenommen, im Frei-dank, vgl. W. Grimms Ausgabe 1 S. LXXXIIl ff.; in Hugos von LangensteinMartina 3 ) an verschiedenen Stellen, in Hugos v. Trimberg Renner 19161 ff. 4 )Erhalten hat sich als Gemeingut bis in unsere Zeit die Sage von dem sichim Feuer verjüngenden Phönix, und von der Treue der Turteltaube, die sichauf den dürren Ast setzt, wenn sie den Gatten verliert. 5 ) Die wissenschaftlichenKompendien der Naturgeschichte nehmen ebenfalls manche Züge aus demPhysiologus auf, so Isidor im 12. Buche seiner Etymologien und die drei„Physiologen" des 13. Jhs. G ) Thomas von Cantimpre (De naturis rerum,zw. 1233 und 1248), Albertus Magnus (Physica, ca. 1260), Vincenz v. Beau-vais (Speculum naturale, um 1250). Des Thomas Cantimpratensis Werkwurde ein Jahrhundert später von Konrad von Megenberg ins Deutscheübertragen.
Der Charakter der m.alterl. Kunst ist typisch und symbolisch. 7 ) SolchenBedingungen entsprachen die Tiergestalten des Physiologus und sie konntenin Skulptur und Bücherornamentik sowohl als Schmuck wie zum geistigenAusdruck eines Werkes wirksam verwendet werden. So bildeten sie eineStoffbereicherung der aus dem Altertum öder aus der Bibel stammendenplastischen Tiersymbolik und gehörten mit dieser zu den ornamentalen Be-standteilen des romanischen Stiles. An den Wänden und Portalen, denPfeilern und Gestühlen der romanischen und frühgotischen Kirchen, nochlange in den Arabesken der Hss., verkündeten diese abenteuerlichen Ge-stalten dem Wissenden tiefe, mystische Wahrheiten, während sie uns in
*) Piper, Notker II, 421 f. 437 f.; ErnstHenrici, Die Quellen von Notkers PsalmenS. 22 (s. LG. I, 431).
2 ) Kraus, Vom Rechte S. 77—79 mit vielenBelegen.
3 ) Dazu R. Köhler, Germ. 8, 26 ff. u. Kl.Sehr.
4 ) Der Physiologus in der Predigt: CruelS. 256—258; Linsenmayer S. 175 ff.
*) Wolframs Parzival 57, 9 ff.; weitere Bei-spiele in Martins Ausg. Bd. II, 65 f.
6 ) Carus S. 211-242.
7 ) Zur Symbolik in der m.alterl. bildendenKunst s. bes. Ferd. Piper, Mythologie derChristi. Kunst, Weimar 1847. 1851; Wolfg.Menzel, Christi. Symbolik, 2 Teile, 2. Aufl.,Regensburg 1856; Evans, Animal symbolismin Ecclesiastical Architecture, London u. NewYork 1895. Speziell zum Physiol. in d. bilden-den Kunst s. Jos. Strzygowski, Der Bilder-
kreis des griech. Physiol., Byzantin Archiv II,Leipzig 1889, und Byzantin Zs. 10, 218—222;K. Krumbacher, Gesch. d. byzantin. Lit.,2. Aufl. S. 874—877; Heider, Tiersymbolik;Carl Maria Kaufmann, Handbuch d. christl.Archäologie, 2. Aufl., Paderborn 1913 S. 280 ff.;M. Goldstaub, Verhandl. d.41. Philol.-Vers.in München 1891 S. 212-221; Derselbe,Philologus, Supplement-Bd. 8 (1901), 337—404; Victor Schulze, Christi. Kunstblatt 39(1897), 49—55; Panzer, Dichtung u. bildendeKunst des deutschen MA.s in ihren Wechsel-beziehungen, N.Jahrbücher VII (1904), 135 ff.;v. D. Leyen u. Spamer, Die ad. Wandteppicheim Regensburger Rathause, Regensburg 1910,S. 37 f.; v. D. Leyen, D. Dichtung undbildende Kunst im MA., Festschrift f. FranzMuncker, München 1916, SonderabdruckS. 7 f.
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