§ 74. Physiologus. 225
Christentums. Hier ist die Tiergeschichte zur Glaubenslehre geworden, dieNaturwissenschaft ist in den Dienst der Theologie getreten. Denn der Phy-siologus ist eine christlich-symbolische Schriftauslegung, in welcher die Eigen-schaften der Tiere nicht an sich eine selbständige Bedeutung haben, sondernden richtigen Sinn erst erhalten durch Beziehung auf religiöse Vorstellungen.Zu einer theologischen Naturgeschichte wurde der Physiologus durch dasAllheilmittel der Allegorie. Das merkwürdige Leben der Tiere wurde aufdie Glaubenslehre ausgedeutet, wobei Christus als Überwinder des Teufelsim Mittelpunkt steht. Neben den dogmatischen Auslegungen gehen morali-sierende, in denen das Wesen der Tiere den Menschen als Spiegel vor-gehalten wird. Jeder Artikel besteht aus zweierlei Bestandteilen, aus derBeschreibung und der allegorischen Anwendung, welche Theorie genanntwurde. Aufs engste verwandt durch den Stoff ist der Physiologus mit derTierdichtung, ja er bildet einen Teil derselben und in der Tat hat er auchEinfluß auf die Gestaltung der Tierfabel und des Tierepos gehabt. 1 )
Aristoteles hat die antike Naturwissenschaft begründet, aber auf derHöhe dieser biologischen Forschung blieb schon im Altertum die Zoologienicht. Plinius (23—79 n. Chr.) in seiner aus zahllosen Einzelnotizen zu-sammengesetzten praktischen Naturbeschreibung, der Naturalis historia, woauch fabulose Züge nicht fehlen, und Aelian (ca. 170—235 n. Chr.) in seinenzum Ergötzen geschriebenen Plaudereien Tleol CoW (De natura animalium),die ihrerseits manches aus Aristoteles entnahmen, hielten sich doch in ihrenBeschreibungen vielfach an den Volksglauben und bezogen daher, besondersAelian, mit Vorliebe merkwürdige Eigentümlichkeiten der Tiere. In der Freudean Raritäten übertrafsie aber die hellenistische Zoologie, der griechische Phy-siologus, der in der ersten Hälfte des zweiten Jahrhunderts in Alexandrienentstand. Dieses Lehrbuch trug schon vorhandenes Material zusammen, dieGeschichten begegnen zum Teil bei Plinius, Aelian, auch schon bei Aristo-teles, bei Herodot (der Phoenix II, 73, aber dort in anderer Fassung; dieViper III, 109), schöpfte auch aus ägyptischer Überlieferung und knüpftezuweilen an biblische Stellen an. Das Wort <Pvoi6?.oyog bedeutet Natur-forscher, und findet sich zuerst bei Aristoteles, aber in der uns erhaltenenalten und m.alterl. Literatur ist Physiologus nicht als Titel des Buches auf-gefaßt, sondern als Eigenname und man verstand darunter den Autor desBuches. Manche Hss. nennen auch einen bestimmten Verfasser: den Epi-phanius, Basilius den Großen, Chrysostomus, Salomo; die lat. Übersetzungwurde dem Ambrosius zugeschrieben. Als Physiologus ist das Werk zumerstenmal von Origenes (a. 254) zitiert.
Die Anzahl der Tiergeschichten wechselte, man konnte einzelne hinzutunoder weglassen, da jede für sich eine abgeschlossene Geschichte war; aberauch die Texte selbst schwanken in einzelnen Sätzen. Die Zusammen-
') Siehe Voigt aaO.
Deutsche Literaturgeschichte. II. 15