§ 73. Drei Lieder von der Jungfrau vom Priester Wernher. 221
schnür, sind sie hier wie Kleinode eingewebt in das Lichtgewand der Gottes-braut. Überhaupt ist Wernhers Gedicht in eine stärkere Stimmung getaucht.Er beobachtet die Ereignisse auf ihre Wirkung, die sie in der Seele derMenschen hervorbringen und verweilt bei den Empfindungen mit warmerund ausgiebiger Teilnahme. Echt deutsch ist das Bewußtsein von demWechsel der Gefühlswerte, die das Leben beherrschen, Freud' muß Leid,Leid muß Freude haben; wem je einmal Herzliebes zuteil ward, der kenntdie Qual der Schmerzen, die das Herzeleid bereitet 209, 38- f. Wie imNibelungenlied, wie liebe mit leide ze jungest Ionen kan, so erfährt esAnna, nachdem ihr Gatte von ihr geschieden: ir frode wart gemisket mitleide 156, 5 (ir freude mischte sich mit weinen 630 A); Gott aber verleihtdem Gatten nach der langen Prüfung näh muen frode 159, 35. Das ist dieverschiedene Lebensauffassung der germanischen Volksseele und des Christen-tums: Leid ist das Ende in dem tragischen Schicksalsglauben des Heiden-tums, aber dem Christen wirft die erwartete himmlische Wonne einen er-leuchtenden Strahl vorempfundener Seeligkeit in sein jammervolles Dasein.Und diese hoffnungsfrohe Gewißheit ist bei allem Leiden auch die Grund-stimmung des Gedichtes. Denn diese Heiligengeschichte ist so menschlich!Unverdiente Schmach und die Unbarmherzigkeit der Mitmenschen treibenJoachim von der Seite seines Weibes weg ins Elend; und der alterndeJoseph, der mit dem Glauben an die Reinheit des ihm vermählten reinstenWesens das Vertrauen zum Leben verloren hat, will heimlich seinem zer-schellten Glück entfliehen. Aber auf Leid folgt Freude in diesen, auf die höchsteFreude, die Geburt des Erlösers, vorbereitenden Ereignissen: der Engel führtsie wieder zusammen, die sich lieb haben 156, 6 ff. 186, 34 ff. Anna, dader Engel ihr die Ankunft des Gatten verkündete, eilte durch das Stadttor aufeine Anhöhe, sie ging ihm entgegen, sie fiel ihm um den Hals, an seiner Handging sie, die Reine, Gute, küßte ihn mit frohem Herzen und empfing ihn innigwohl, wie Lieb Herzliebe soll 158, 41—159, 26. Auch der apokryphische Ver-fasser hat die Freude des Wiedersehens in schlichten Worten ausgedrückt, derdeutsche Dichter aber empfand aus der ganzen Tiefe seines Gemütslebensheraus das Weh des Scheidens und die Wonne des Wiedersehens als starkeinnere Erlebnisse. Sie waren ihm selbst eigen, denn es waren elementare Ge-fühlszüge seines Volkes, und sind es noch heute: es ist die beseeligende, mitSchmerzen erkaufte Gnade, Glück und Leid in treuem Herzen zu bewahren.Die Poesie seiner Zeit hat auch schon Vorstellungen und Worte gefunden, umdie Empfindung des Trennungswehs auszudrücken. Es ist ein Zug in derStimmungswelt des altdeutschen Minnesangs: Vil lieber fHunde scheidendaz ist schedelich, swer sinen friunt behaltet, daz ist lobelich (Der vonKürenberg, Minnesangs Frühling 7, 1—4), oder: Got sende si zesamene diegerne geliep wellen sin (9, 11 f.), oder liep äne leit mac niht gesin (Dietmarvon Eist, ebda 39, 24), oder das Lied vom entflohenen Falken des Küren-bergers und Dietmars von Eist (8, 33 ff. 37, 4 ff.).