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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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220 A - Geistliche Literatur, e) Mariendichtung.

andere Textrezension als die in den uns erhaltenen Hss. überlieferte be-nützt und wohl auch noch aus andern Quellen geschöpft. Jedenfalls aberhat er den ihm gegebenen Stoff in freier Art behandelt, er hat ihn mitseiner Anschauungsweise durchdrungen und hat ihm sein Gemüt verliehen. 1 )Das apokryphe Evangelium erzählt in einfacher Sprache die Tatsachen,läßt aber doch an gehobenen Stellen auch die inneren Bewegungen zurGeltung kommen, Wernhers Dichtung dagegen ist ein Preislied in senteMarien minne 147, 1, in dem die Handlung durchwoben ist mit lyrischenund belehrenden Partien, ausgestattet mit reichem Leben und einer Füllevon Empfindung. Anders als der Dichter der Wiener Genesis, der seineAuffassung nur in kleinen Einzelzügen ausprägt, dichtet vielmehr Wernherdie Angaben seiner Quelle über Vorgänge und Personen zu ganzen Szenenund Charakteristiken aus und fügt viele erklärende und erbauende Stellenhinzu. Wo Pseudo-Matthäus Joachims Geschlecht nur mit den Worten an-gibt ex tribu, Juda (Tischendorf S. 54), hat Wernher 28 Verse über dieFrömmigkeit seiner Vorfahren, der Patriarchen 149, 41150,15. Im deutschenGedicht ist Joachim dargestellt als das Musterbild eines geistlichen Übungensich hingebenden Jünglings 150, 16151, 14. Zu ihm ist Anna das Gegen-stück, die gottselige Jungfrau 151, 1929 (Tischendorf S. 55) und dasOpfer Joachims wird ausführlich erzählt 152, 620. Breit ausgeführt sinddie Reden Josephs und Marias, in denen sie ihre Stimmung gegenüber derVermählung ausdrücken 171, 10173, 39 (Tischendorf S. 69). Das darauffolgende Verlöbnis, das in der Vorlage ganz fehlt, ist hier doch in wenigenWorten geschildert 173, 41174, 3. Und in dieser Weise ist das deutscheGedicht durchweg eine erweiterte Ausführung des lat. Originals. Neu hinzu-gekommen sind z. B. die Einleitungen und Schlüsse der drei Lieder, diesieben Wunder bei Christi Geburt, auch die Auslegungen biblischer Eigen-namen (150, 2123. 151, 39). Vor allem aber ist das Bild der Maria er-weitert. Auch im Pseudo-Matthäus ist sie die unvergleichliche ob allenFrauen (Tischendorf S. 58), das Muster einer tugendhaften Jungfrau (S. 6264), Wernher aber hat sie ins Überirdische, zur Himmelskönigin erhoben;jetzt erst besitzt sie göttliche Kraft, die die Sünden tilgt. Alle Schönheitund Lieblichkeit vereinigt der Dichter auf die himmlische Frau: sie war denEngeln so hold, daß sie bei den Blumen bleiben und ruhen wollte 150,25 f.; da stand sie wie die Blume, die an der grünen Wiese ihren lichtenGlanz weithin ausbreitet 172, 39 f.; wie die Sonne leuchtete sie aus ihremganzen Geschlechte 163, 29; sie schritt über das Gefilde in Engelsbild 175,3; sie ist die Lilie, die Himmelsrose, Stern und Edelstein, die Taube ohneGalle. 2 ) Es sind zumeist die bekannten Sinnbilder, aber während sie in denälteren Marienliedern einzeln aneinandergereiht sind wie an einer Perlen-

x ) Die einfach getreue InhaltserzählungUnlands, Schriften 2, 14 ff., läßt die Lieblich-keit dieser glaubensinnigen Wunderwelt getreu

nachempfinden.2 ) Bruinier S. 206208.