216 A - Geistliche Literatur, e) Mariendichtung.
das sich vielmehr in der glänzenden Rhetorik der Marienlieder entfaltet.Jedoch hat der Verfasser der deutschen Sequenz die gefeierte Melodie derlat. Ave praeclara angenommen 1 ) und die Versform seines Gedichtes danachgebildet. Die Betonung der einzelnen lat. Verse hat er möglichst nachgeahmt,er hat aber verstanden, sie dem deutschen Formempfinden anzupassen. Dabeizieht sieh ein musikalisches Lieblingsmotiv durch die Gesamtmelodie, das istder Vers von fünf Hebungen mit weiblichem Ausgang (bezw. von sechsHebungen, deren letzte nebentonig ist), derselbe Vers also, der den Abschlußder Spervogel- und der Kudrunstrophe bildet. Er kommt selbständig vorV. 49. 53, und mehrfach als zweiter Teil in Verbindungen: so ist V. 2 einachthebiger Vers, bestehend aus einem Dreiheber und einem weiblich enden-den Fünfheber. V. 6. 7 bezw. 11. 12 sind zusammengesetzt aus einem männ-lich ausgehenden Vierheber und dem Fünfheber; hier sieht man zugleichdeutlich die Absicht des Dichters, den dem deutschen Formgefühl zusagen-den Fünfhebungsvers mit weiblichem Ausgang an Stelle eines anderen lat.rhythmischen Satzes zu bringen (indutum carne ducis in orbem Str. 2, 8. 9bezw. 14. 15 der lat. Sequenz, jamb. Dimeter + adonischer Vers). Das ganzeSystem der deutschen Str. 6 gründet sich auf diesen Fünfheber: in 49. 53 er-scheint er allein, in 50.54 = 3 + 5 Heb., das ist die vierte Langzeile der Kudrun-strophe, 52. 56 == 2 + 5 Heb. Sechshebungsverse wechseln mit Dreihebern inStr. 4, sehr künstlich ist Str. 5 gebaut mit Wechsel von zwei-, drei-, vier-, fünf-und achthebigen Versen. Das ganze Gedicht schließt mit einem Satz von zehnHebungen. Dactylen kommen vor 15. 19. 34. 42. 43, vgl. Mone 40—32 bezw.50—52; 65. 66 vgl. Mone 86—90. Mit dem Mariengedicht von Muri ist somiteine deutsche Sequenz geschaffen, deren Kunstform dem Wesen der lat. Se-quenzen entspricht, aber doch von deutschem rhythmischen Gefühl getragen ist.
Die Reime sind rein. Sie sind paarweise gebunden. Die Strophen sindvon ungleicher Länge, von 2 bis zu 16 Versen. Der ganze Bau der Sequenzist sehr kunstvoll, ihm muß auch eine reiche Melodie entsprochen haben.
§ 72. Marienlob.
Kelle 2, 77 f. 287; Piper, QD. 1, 300f., Höf. Ep. 3, 723. —Ausg.: Diemer, D. Ged. S. 69,6—72, 8, Anm. S. 26 f. u. Einl. S. XXXIV u. XL, dazu Collation von Piper, ZfdPhil. 20, 478;MSD. Nr. 40 u. II 3 , 248-251. — Scherer, QF. 7, 49. 12, 68; Rödiger, Anz. 1, 68; Waag,Beitr. 11, 101—105; v. d. Leyen, Kl. Beitr. S. 62 ff.; MOnscher, Marburger Diss. 1908;Beissel S. 114 ff.
Hs.: Vorauer Hs. Bl. 93c—94a, mitten im fortlaufenden Text ohne besondere Bezeichnungdes Anfangs und des Endes. Es ist ein Teil der Bücher Mosis, ein selbständiges Gedichtist es nicht gewesen; MOllenhoff hat es in den Denkm. als ein Stück für sich herausgegeben.Es handelt von der Prophezeiung des Jesaias auf Christus, Jes. 11, 1 von der wunderbarenGeburt. Für die Lehre von den sieben Gaben des heiligen Geistes 3, 9—24 ist Jesaias 11,2—3 die Quelle.
Die Auffassung des Stoffes ist von den im Vorhergehenden behandelten
M arienlied ern ganz verschieden: hymnisch ist nur die letzte Strophe, das
') Lachmann aaO.; MSD. II 3 aaO.; A. I ExemplaNr. 56; Saran S. 258; Paul, Grundr.Schubiger, Die Sängerschule S. Gallens, | II, 2 2 , 132; Jellinghaus, ZfdPh. 15, 347.