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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§71. Mariensequenz aus Muri. 215

tivisch, als rein musikalisch. Darum sind auch die umfangreichen Verse mitvier Hebungen zu lesen und als überlange mit schweren Senkungsfüllungenanzusehen. In 29 f. entstehen durch die Verlängerung daktylische Takte. DieReime gehen meist paarweise, nur Str. 1 und 6 haben Dreireim. Die vor-kommenden Assonanzen sind leicht.

§ 71. Mariensequenz aus Muri.

Kelle 2, 46 f. 270 f.; Piper, GD. 1, 302305, Höf. Ep. 3, 723. Ausg.: Lachmann,Rhein. Mus. Bd. 3 (1829), 425-429, Kl. Sehr. S.330334; Wackernagel, LB. 3 S. 259262;MSD. Nr. 42, II 3 u. 253256; Piper, QD. aaO.; Waag, Kl. d. Ged. 2 S. 178180 u. Einl.S. CIXCXI. Scherer, QF. 12, 115 f.; Baechtold S. 78 u. Anm. S. 23 f.; v. d. Leyen,Kl. Beitr. S. 62 ff.; Wolfskehl u. v. d. Leyen S. 124129. 222; Beissel S. 114 ff.

Hss.: A. Hs. der Gebete von Muri (s.S. 170), obd., mit der Überschrift Sequentia des. Maria. A abgedruckt bei Graff, Diut. 2, 294296, dazu Hoffmann, Fundgr. 1, 259; Piper,Nachtr. S. 329331. Die Sequenz leitet eine neu beginnende Sammlung von Mariengebetenein. Ba und Bb, obd., zwei Abschriften in zwei Bibliothekskatalogen des Klosters Engel-berg aus dem 18. Jh., deren Originaihs., ein Engelberger Meßbuch, verschollen ist. Baschließt mit Z. 50, Bb mit Z. 38. Abgedruckt bei Bartsch, Germ. 18, 49 f. C. München Clm.935, 12 u. 13. Jh., das sog. Gebetbuch der heil. Hildegard (lat. Gebete, die der heil. Hildegardzugeschrieben werden), 1 ) enthält auf S. 70 das Gedicht von Z. 40 an in mfrk. Mundart, ab-gedruckt bei Keinz, Münch. SB 1870, 2, 113 f.; Piper, Höf. Ep. 3, 723.

Da die Reime dialektlos sind, bieten sie keinen Anhaltspunkt für dieHeimatsbestimmung des Gedichtes, doch ist es höchst wahrscheinlich inder Schweiz entstanden; und zwar gegen Ende des 12. Jhs., da die Technikdie Regeln der Blütezeit voraussetzt. 2 )

Inhalt. I. Str. 1. 2: Anrufung der Maria mit der Bitte um Verleihung dichterischer Be-redsamkeit. II. Str. 3. 4. 5: Maria Jungfrau und Mutter, dazwischen v. 1720 Bitte (Hilf)mit Begründung. III. Str. 69: Bitte (Begründung Str. 6), Fürbitte beim Sohn Str. 7. 8, Bitteum Hilfe am Lebensende Str. 9.

Auch die Sequenz von Muri folgt nicht dem gewöhnlichen Schema derlat. Marienlieder, denn die Erzählung von der Mutterschaft mit der Ver-kündigung (Str. 3. 4. 5) und das Bittgebet (Str. 69) überwiegen stark überden eigentlich hymnischen Teil mit dem Preis der Eigenschaften der Gottes-mutter (Str. 1. 2), der nur gleichsam die Einleitung bildet. Symbolisch istüberhaupt nur weniges in dem Gedicht, ausgeführte Allegorien fehlen ganz.Gerade dadurch wirkt es unmittelbarer, der Gesamteindruck ist mehr dereines inbrünstigen Gebets als eines poetisch ausgeschmückten Preislieds.Eine innere Wärme zieht durch diese andachtsvolle Poesie, die besonders in denBittversen zum Ausdruck kommt. Die St. Lambrechter Sequenz hat solchesnicht erreicht, der äußere Schmuck der Symbolik kann das nicht ersetzen.

Ebenfalls unter dem Einfluß der lat. Sequenz Ave praeclara ist das Gedichtentstanden, schon gleich der Eingangsvers zeigt es; aber sonst hat es imInhalt mit jener nichts gemein. Der deutsche Dichter, erfüllt von seinemeigenen Erleben, schaut mit inneren Augen das rührende Bild der Muttermit dem Kinde und in vertrauensvollem Gebet fleht er zu ihrer Barmherzig-keit. Solche persönliche Ergriffenheit spricht nicht aus dem lat. Gedicht,J ) John Meier, Beitr. 16, 95. | 2 ) Siehe Lachmann aaO.