214 A. Geistliche Literatur, e) Mariendichtung.
S. CVIII f.; Scherer, QF. 12, 68; v. d. Leyen, Kl. Beitr. S.62 ff.; Wallner, Beitr. 43, 176—178 (Conjecturen); Beissel S. 114 ff.
Hs.: Graz, Universitätsbibl. Nr. 287, aus dem Stift St. Lambrecht in Steiermark, 1 )perg., Bl. 8 b , von einer Hand des 12. Jhs. mit der Beischrift SeqiTtia. Das Gedicht ist um1150—1160, vielleicht in St. Lambrecht, entstanden.
Inhalt. I. Str. 1. 2. 3 Anrufung der Gottes Mutter mit Lobpreisung und mit Bitte umErhörung (14). II. Str. 4. 5. 6. 7 Maria die Gottgebärerin. Der dritte Teil, der nochmaligeAnrufung bezw. Bitte an Maria um Erhörung oder Fürsprache enthalten haben mußte, fehlt. 2 )Verfaßt ist das Lied zur Feier von Mariae Verkündigung. 3 )
Die 3 ersten Strophen sind Übertragung der 2 ersten Strophen der lat.Sequenz .Ave praeclara maris Stella;*) aus dem Original sind die lat. Reim-wörter stella:exorta,porta:aperta in das deutsche Gedicht herübergenommen.Die 4. Strophe entspricht teilweise der 3. Strophe der lat. Sequenz (die altenvater din e wünschten und prophetae 21 f. = priores desideraverunt patreset prophetae), doch ist das Motiv von der Abstammung aus Jesse weg-gelassen und dafür das Symbol von dem Mandelstab Aarons eingesetzt,welches in der 3. Strophe der lat. Sequenz angedeutet ist (divini floris amyg-dalum). Von der Strophe 5 an hört die Übereinstimmung des deutschenGedichts mit dem lat. auf. — Unter den hier zusammengehörenden Marien-liedern folgen das Melker Marienlied und die Sequenz von St. Lambrechtam reinsten dem lat. Stil, denn der hymnische Teil überwiegt hier bei demSt. Lambrechter Gedicht, wenigstens soweit der erhaltene Text reicht, ganzdas Element der Bitte, und Gebetsteile sind überhaupt nicht hineingetragen.
Die Sprache hat einen besonderen Schmuck durch die lat. Reimwörter(V. 1. 2. 3. 4. 5. 22 [die wissagen Hs.] 32. 33).«)
In der Geschichte der deutschen Verskunst nimmt das Gedicht einebesondere Stelle ein, indem hier zum erstenmal die lat. Sequenzform nach-geahmt ist. 6 ) Die 3 ersten Strophen entsprechen auch im Bau den 3 erstenmetrischen Gesätzen des lat. Gedichtes: Str. 1 mit 3 Versen ist = Str. 1 der lat.Sequenz, Str. 2 und 3 mit je 6 Versen sind = den beiden Halbteilen der lat.Str. 2. Unter den folgenden Strophen des deutschen Gedichtes ist die sechstedurch lange Verse ausgezeichnet: sie bildet einen Höhepunkt in der Stim-mung, denn in ihr ist der Beschluß der Gnade Gottes zur Sendung Gabrielsausgesprochen. Sonst sind die Verse meist von normaler Ausdehnung außerdem längeren Vers 28 und dem überlangen 15 f. am Abschluß der Str. 3.Die Betonungsweise des ganzen Gedichtes ist mehr sprechtaktartig, rezita-
') Aus Seckaui. Wallner, Beitr. 43, 176;zu den St. Lambrechter Hss. s. oben S. 169.172.
2 ) Dieses ist der gewöhnliche Abschlußder Marienlieder ähnlichen Inhalts, meist istder Hinweis auf Verleihung des Himmel-reichs mit der Bitte verbunden; zuweilenwird auch Christus angerufen.
3 ) Lieder zu MariäVerkündigung und ChristiGeburt s. bei Mone, Hymnen 2 Nr. 343—391S. 31—90. Die Sendung Gabriels enthalten
Nr. 355. 357. 363. 375. 391; vgl. auch dieGlossenlieder über d. engl. Gruß Nr.392—403.
■») Mone 2 Nr. 555 S. 355—359; Daniel,Thesaurus Bd. 2, 32—34. Die lat. Sequenzwird dem Hermannus Contractus vonReichenau (f 1054) zugeschrieben, sie ist inder ersten Hälfte des 11. Jhs. verfaßt; MSD.II 3 , 252 f.
6 ) Grunewald S. 8.
6 ) Paul, Grundr. II, 2 2 , 132. — lieber die,Sequenzen' s. LG. I, 352 f.