Druckschrift 
Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
Entstehung
Seite
213
Einzelbild herunterladen
 

§ 69. Arnsteiner Marienlied. § 70. Mariensequenz aus St. Lambrecht. 213

jene, welche die reich ausgeführten Bilder enthalten, haben eine stärkererhythmisch-melodische Ausprägung als die übrigen, näherten sich also mehrdem Gesangsvortrag, und bei dieser gesteigerten Formgebung inhaltsschwererGedanken mag das Beispiel lat. Sequenzen vorbildlich gewesen sein, aberein wirklich voll melodisch gesungenes Lied oder ein Leich war das Gedichtnicht, 1 ) dem widerspricht der Inhalt des Teils B. Es ist ein gereimtes Lob- undBittgebet an Maria. Von der Art der lat. Hymnen und Sequenzen entfernt essich völlig, denn der erste, kleinere Teil, hat zwar hymnischen Inhalt, aber diebreite Ausführung der Symbole widerspricht dem knappen Hymnenstil, undder größere zweite Teil ist bis auf den Schluß ein Gebet. Es war verfaßtfür Nonnenklöster, vermutlich zur gottesdienstlichen Feier an Marientagen,war also nicht bestimmt zur Andacht für eine einzelne Person, sondernzum Vortrag im Kloster, rezitiert von einem Chor oder vielleicht auch voneiner einzelnen Klosterschwester. 2 ) Auch trägt die Versform keine Anzeicheneines Leiches, denn die Absätze haben keine korrespondierende Gliederungund die Verse weichen von dem normalen Reimpaargebrauch nicht ab. Aberdie erhabenen Bilder der Jungfrauschaft sind in schwungvolleren rhythmischenSätzen vorgetragen, was dadurch erreicht ist, daß eine Reihe aufeinander-folgender Sätze mit dreisilbigen Takten (zweisilbigen Senkungen) gebildetsind. 3 ) Sie haben also den gelängten Typus des Vierhebungsverses, währenddie übrigen (von 64 an) normal gebaut sind.

Der Stil ist einfach, ohne besondere Kunstformen. Einige Male kommengleichgebaute Sätze und anaphorische Verse vor. Für die Wortstellung be-merkenswert sind Hauptsätze wie meinet du ruode dlg, heilig meldin 43mit reiner 4 ) Anfangsstellung des Verbums. Lat. Worte sind eingeschaltet. 5 )

§ 70. Mariensequenz aus St. Lambrecht.

Kelle 2, 47 f. 271; Piper, GD. 1, 301 f., Nachtr. S. 267. Ausg.: Diemer, D. Ged.S. 384 u. Anm. S. 96; MSD. Nr. 41 u. II 3 , 251253; Waao, Kl. Ged. 2 S. 176 f. u. Einl.

wir weinen unde saften . . . in dirre dalehelden 242. 246; oculos ad nos convertekere daz din ouge 266; post hoc exiliumuns eilenden 233; exules Evae-Eva hat unsin des Teufels Gewalt verfällt 238240; OClemens, o pia, o dulcis virgo Maria-Milde,genedige, suoze Marie 312 f. (vgl. MSD. II 3 ,240 f.); Benedictus fructus ventris tui 324(Jesum nobis . . ostende daz ig muozescowen den unsen lieven herren 198 f.).

) Vgl. Saran S. 254 f. 287.

') Der Annahme, daß wenigstens die rhyth-misch bewegteren Verse der Symbolik 163gesungen wurden, widersprechen die auf 63folgenden, noch zum symbol. Teil gehören-,den Verse 6477, die in dem gleichen Vers-maß abgefaßt sind wie das Gebet B. Auchdie Formeln In der buoche lese wir 32, Ougsaget uns alsus 44, Man liset ouch ander...74 gehören eher in gesprochene Rede.

3 ) Aehnliche Verse mit dreisilbigen Taktenkommen auch sonst verstreut in frühmhd.

epischen- Gedichten häufig genug vor, hierjedoch sind sie in der Absicht, rhythmischzu wirken, gehäuft und gewiß hat der Ge-brauch von Daktylen im lat. Kirchenlied (vgl.die Sequenz von Muri) hier in diesem spe-ziellen Fall dazu die Veranlassung gegeben. Da Verse mit zwei Senkungen echt ger-manisch sind, so kann die BezeichnungDaktylus (MSD. II 3 , 241244, vgl. ZfdA. 18,159), abgesehen davon, daß sie nur fürquantitierende Takte von der Form ^ ^gilt, die unrichtige Vorstellung erwecken, aisob überhaupt ein unmittelbarerZusammenhangdieser rhythmischen Form mit der klassischenProsodie bestünde, vgl. Heusler, Zur Ge-schichte d. ad. Verskunst, Germ. Abh. 8, S. 71 f.;Paul, Grundr. II, 2 2 , 81 f. 132; Saran S. 254.286289 u. die daselbst angeführte Literatur.

4 ) Vgl. Braune, Forsch, z. d. Philol., Fest-gabe für Hildebrand S. 34 ff.

6 ) Grunewald S. 8.