208 A- Geistliche Literatur, e) Mariendichtung. •
in unsern Herzen den ausgezeichnetsten Rang einnimmt, die die Fülle derSüßigkeit hat, deren Geist süßer ist als Honig (Sermo XI, De annunciationebeatissimae virginis Mariae, Migne 144, 557—563), und der heil. Bernhardwidmet der „Jungfrau" Maria, der Virgo Deipara, eine Reihe von Predigten,in denen er sie darstellt als jungfräuliche und demütige Gottesmutter, an-knüpfend an die Verkündigung des Engels, „Missus est Gabriel", beim Festder Annunciatio, und als Regina Coeli bei dem der Assumptio. S. BernhardsBiograph Johannes Eremita erzählt, daß der Heilige, da er als apostolischerLegat 1147/48 in Speier weilte, am Marienaltar die Antiphone „Salve regina"von Engelstimmen singen hörte und sie dem Papst Eugen übermittelt habe,damit sie als Gesang in den Kirchen eingeführt werde. 1 )
Die Bibel selbst enthält nur spärliche Nachrichten über die Mutter Jesuund doch mußte es ein Bedürfnis der Gläubigen sein, etwas zu wissen vondem Leben dieser verehrungswürdigsten Gestalt. Da setzte die Phantasieein, doppelt geschäftig in einer wundersüchtigen Zeit. In den apokryphenEvangelien wird viel Menschliches, Anekdotenhaftes besonders von demKnaben Jesu und seiner Mutter erzählt.
Das Wunderbare ist der Bereich der m.alterl. Heiligenbiographie, diegrößten und seltsamsten Wunder aber wurden von der Allerheiligsten er-wartet. Besonders im 13. Jh. entstanden zahllose Marienlegenden, die in derLiteraturgeschichte ein eigenes Gebietausmachen. Am schwungvollsten jedochist die Marienverehrung im Liede ausgesprochen. In der griechischen Kirche,in der der Kult der Gottgebärerin überhaupt ursprünglich heimisch war,entstand eine umfangreiche Marienlyrik, erst später und langsam folgtenlat. Hymnen. Die ältesten haben die jungfräuliche Geburt noch nicht alsalleinigen Gegenstand, sondern als Teil der Advent- oder Weihnachtsfeier,so der ambrosianische Hymnus „Veni redemptor gentium" (Adventlied),die Weihnachtslieder des Sedulius „A solis ortus cardine" und des VenantiusFortunatus „Agnoscat omne saeculum"; auch des Sedulius Verse in seinemCarmen paschale „Salve, Sancte parens", die in das römische Meßbuch auf-genommen wurden. Eigentliche Marienlieder sind bis zur Einführung desMarianischen Officiums nicht häufig und wieder ist es Petrus Damiani, derhier vorangeht (seine Marienhymnen bei Migne 145, 933 ff., darunter dastägliche Officium Marianum Sp. 935 ff.). In den folgenden Jahrhundertenentwickelte sich dann eine sehr umfangreiche lat. Marienlyrik, Lieder aufMarienfeste und Andachten über Kirchengebete, Dank-, Bitt- und Lobliederan Maria. 2 ) Zu den gefeiertsten Mariengesängen gehören der Hymnus „Avemaris Stella" (9. Jh.) und die Marienantiphone „Salve regina" 3 ) (IL/12. Jh.).
Es hatte sich zur Bezeichnung und Verherrlichung der Maria eine eigenepoetische Sprache aus biblischer Übertragung und allegorischer Schrift-
*) Kelle 2, 76, 286 f.'-) Mone, Hymnen Bd. 2; Drewes, AnalectaHymnica, in verschiedenen Bänden.
3 ) Daniel, Thesaurus Hymnol. 1,204—206.2,321 ff.-; Phil. Wackernagel, Das d. Kirchen-lied 1, 103; Thalhofer 2 2, 572 f.