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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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A. Geistliche Literatur, e) Mariendichtung. 207

7. Jh.; Geburt, 7.Jh.), trotz vieler Gegner, u. a. auch des heil. Bernhard. Aberdas Dogma allein hat die steigende Erhöhung der Mutter des Herrn nicht be-wirkt: aus dem Innern der Volksseele kam die elementare Liebe zu ihr, die derverlorenen Menschheit den Erlöser geboren, und ebenso unmittelbar entsprichtdem Volksbewußtsein die poetische Verklärung der Gottesmutter zur Himmels-königin, deren Macht und Herrlichkeit weit die Engel und Heiligen undMärtyrer überstrahlte. Und wem sollte die arme Seele in ihrer Not sichvertrauensvoller nahen können als ihr, der Schmerzensreichen, die selbstdie größte Not erfahren mußte, als sie am Kreuz aufschaute zu ihres SohnesTod, sie die göttliche und doch so ganz menschliche Mutter. Da man dieHeiligen als Fürbitter anrief, mußte ihre Hilfe die mächtigste sein, dennkonnte der Sohn, der Heiland und Himmelskönig, der Mutter eine Bitteversagen? So wirkten die Gelehrten und das gläubige Volk zusammen, umdem Marienkultus eine Bedeutung zu verschaffen wie dem der drei gött-lichen Personen selbst.

Mit aller Schönheit und Lieblichkeit schmückte das dichtende Gemüt derGläubigen die Reine, die Demütige, die Barmherzige, das Süßeste und Herz-lichste will man ihr sagen, die verborgensten Schmerzen ihr anvertrauen.Zum menschlich göttlichen Ideal ist die heilige Jungfrau der katholischenChristenheit geworden,selber die Kirche, die göttliche, stellt nicht Schöneresdar auf dem himmlischen Thron; Höheres bildet selber die Kunst nicht,die göttlich geborene, als die Mutter mit ihrem Sohn." Die eigentlich populäreMarienverehrung beginnt mit der Hebung des religiösen Lebens und derSteigerung des Empfindens im 11. Jh. Der Samstag wurde der allerseligstenJungfrau geweiht mit dem Officium beatae Mariae Virginis in Sabbato, alleChristen sollten es wenigstens jeden Samstag beten, in den Klöstern sollte,wie besonders Petrus Damiani forderte, täglich neben dem kanonischen auchdas Marianische Officium gehalten werden. 1 ) Die neuen Mönchsorden, dieCisterzienser und noch mehr die Prämonstratenser, erkoren die Himmels-königin ganz vornehmlich zu ihrer Schutzheiligen, neu gestiftete Kirchenund Klöster wurden ihr geweiht und vielfach auch nach ihr benannt. DieMacht der Mutter Gottes im religiösen Leben steigerte sich besonders seitdem 13. Jh. im offiziellen Gottesdienst und in der Dogmenbildung sowohlals im Volksglauben. Neue Feste traten zu den alten. Außer dem Vater-unser und dem Glaubensbekenntnis sollten die Gläubigen nun auch dasAve Maria (den englischen Gruß) beten (Synode zu Paris 1198), die Elternund Paten wurden verpflichtet, es ihre Kinder zu lehren (13. Jh.), und im13. Jh. kam der Brauch auf, es im Anschluß an das Paternoster zu sprechen. 2 )

Dieses stete Wachsen der Marienverehrung seit dem 11. Jh. äußert sichauch auf dem Gebiet der Literatur. Schwärmerisch preist Petrus Damiani,der leidenschaftlichste Verkündiger der neuen Frömmigkeit, jene Frau, welche

') Thalhofer 2 2, 249. 616627. I v. Regensburg verwiesen ist (Pfeiffer 1, 44,

2 ) Thalhofer 2 1, 306 ff., wo auf Berthold | 10 f. 125, 2224. 424, 19 f.).