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Teil 2, Die mittelhochdeutsche Literatur Abschn. 1 (1922) Frühmittelhochdeutsche Zeit
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§ 64. Die Wahrheit. § 65. Trost in Verzweiflung.

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Scherer, ZfdA. 20, 346355, QF. 12, 102106; Schönbach, Über Hartmann von AueS. 396403; v. d. Leyen, Kl. Beitr. S. 7382.

Hs.: Bruchstück, zwei zusammenhängende Oktavblätter vom Ende des 12. Jhs., im Jahr1813 in Privatbesitz in Memmingen, seitdem verschollen. Der ursprüngliche Umfang desGedichtes läßt sich schwer bestimmen; am Eingang scheint wenig verloren zu sein.

Der Dialekt ist obd., die Hs. ist einigen wenigen Formen zufolge wohlin Baiern geschrieben. Dort oder in dem benachbarten Alemannischen wirdauch das Gedicht verfaßt worden sein, etwa um 1180.

Inhalt. 1 ) Es sind die Gedanken des Menschen, der zwischen Welt und Gott gestelltist, die Kämpfe der nach Befreiung aus den Banden der leiblichen Bedingtheit und denWirrnissen der Leidenschaften ringenden Seele. Auf der christlichen Grundanschauung vomDualismus von Leib und Seele beruht diese asketische Moral. Die Lehre des Dichters 2 ) (18)ist: Kampf gegen den Leib und die Begierden (931), mit dem Preis der Armut (3247);und Kampf gegen das Herz (48141). Vergebens will er der Welt entsagen, Verzweiflungergreift ihn ob seiner Ohnmacht, von allen Heiligen verlassen glaubt er sich der Hölleverfallen (142165) da geschah ihm ein großes Glück. Hier bricht das Fragment ab.Wir hören die Bekenntnisse einer Persönlichkeit, die den schweren Weg vom Begehrenzum Entsagen zurückgelegt hat und dabei bis zur Grenze der Trostlosigkeit gelangt ist.Stark ist dieser Mensch in der Selbstüberwindung, freudig gibt er den Reichtum hin, leichtbezwingt er das Behagen des Leibes, aber gegen die unselige Herrschaft der Begierdendes Herzens kann er sich nicht selbst helfen, kein Fürbitter und nicht die Inbrunst desGebetes. Der letzten hoffnungslosen Not ist er verfallen, dem Zweifel. Da kam die längstentschwunden geglaubte, die Rettung. Wir erfahren das Heil nicht mehr, aber welchesGlück konnte ihm anders geschehen sein als die Gnade? Die Gnade Gottes, die ihm denWeg der Buße zeigt. 3 )

Es ist eine Mönchspredigt, besonders eindringlich und wirksam dadurch,daß der Kampf gegen die Gefahren des Herzens als eigenes inneres Er-lebnis (Ichform) vorgetragen wird. Als Predigt gibt sich das Gedicht zuerkennen durch die Anreden 15. 28 f. 132. 167. Der Redner versetzt sich indie Gedanken seiner Zuhörer 5 ff. 9 ff. 32 ff.

Die Sprache des Gedichtes wirkt ergreifend bei aller Schlichtheit. DieMetrik in ihrer Reimnot ist kunstlos. Die Reime sind fast rein, mit Aus-nahme von sieben (oder sechs?) Fällen überschüssiger Konsonanz (6-[oder 5]mal n, lmal t); 4 ) Dreireim findet sich 1921, ein lat. Reimpaar 70 f. 6 )

») Scherer, QF. aaO.; v. d. Leyen aaO.

2 ) Das scheint der Inhalt des verstümmeltenEingangs V. 18 zu sein, vgl. v. D. LeyenS. 74.

3 ) Dieselben Lehren gibt Hartmann v. Aue:im armen Heinrich zeigt er die Nichtigkeitder Welt, im Eingang des Gregorius das Ver-derbenbringende des Zweifels, und ein Kampfder psychologischen Faktoren des Leibes unddes Herzens bildet den Inhalt seines Büch-leins, hier jedoch in weltlich höfischem Sinnegewendet. Auch einzelne Züge kehren beiihm wieder, ja die Anklänge sind so stark,daß man an unmittelbaren Zusammenhangdenken kann. Aber wahrscheinlich hat dochHartmann unser Gedicht nicht direkt benutzt,

vielmehr schöpften wohl beide aus gleicherQuelle, einem weitverbreiteten Abhandlungs-und Predigtthema über die Abkehr von derWelt. Vgl. Scherer, ZfdA. 20, 352 ff.; W.Wackernagel, Der arme Heinrich, hgb. vonToischer S. 14 16, neu hgb. von ErnstStadler, 1911, S. 17l;Herm.Seegers, NeueBeiträge zur Textkritik von Hartmanns Gre-gorius, Kieler Diss. 1890, S. 3234; Schön-bach, Ueber Hartmann v. Aue aaO.; V. D.Leyen, Kl. Beitr. aaO.

4 ) Scherer, ZfdA. 20, 351 f.; SchönbachS. 398 f.; v. d. Leyen S. 74.

5 ) Zwei lat. Stellen kommen vor, s. Grune-wald S. 27.

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