192 A. Geistliche Literatur, d) Die Heilsmittel.
buch, in das die einlaufenden Sündengelder eingetragen werden" 1 ) 641 ff.Dramatisch in Wechselrede verläuft die Szene im Pfarrhof mit dem um Her-berge bittenden Wanderer (Priesterl. 69 ff.), plastisch gestaltet sind die beidenDarstellungen vom toten und vom verwesenden Ritter (Erinn. 597 ff. 663 ff.).Überall hier ist das Leben in seiner Tatsächlichkeit beobachtet, das Gelagedes Priesters wird nicht geschildert, sondern in seinem Verlaufe erzählt(Priesterl. 95 ff.); die armen und doch hoffärtigen Taglöhnerinnen sieht manauf den Gassen und in den Kirchen geputzt aufsteigen wie Herrentöchter(Erinn. 319 ff.); man sieht den Leichnam auf der Bahre liegen, und die Zu-rüstung, und wie sich die Verwandten versammeln (Erinn. 566 ff.); undlebendig steht vor uns die Pfaffendirne in ihrer modehaften Scheineleganz,wie sie sorgsam die Handschuhe überzieht, Handtüchlein und Spiegel an-legt, um sich einen neuen Liebhaber einzufangen (Priesterl. 689 ff.).
Einzelne Stilformen: der Satzbau ist oft lässig, der natürlichen Um-gangssprache folgend. Zuweilen sind es längere Perioden, dann auch ge-drungene Kola, je nach der rhetorischen Temperamentslage. Anapher, Asyn-deton, Polysyndeton und besonders häufig zweigliedrige Verbindungen werdenangewendet. Wortspiele: gebossern oder glbezzern Priesterl. 368 u. a.
Lat. Zitate 2 ) sind es nur wenige, in jedem der Gedichte vier. Einigesind an passender Stelle angebracht: omnes decllnaverunt im Eingang derErinnerung (V. 12) ist das Leitmotiv der Strafpredigt; des beginne wir innomine domini Erinn. 454 leitet zum zweiten Teil der Erinnerung über; mitin secula seculorum schließt dieser und das ganze Gedicht; das ironischeSprichwort Priesterl. 67 f. schließt drastisch die vorhergehende allgemeineErörterung ab.
Endlich aber ist doch die Frage aufzuwerfen: sind diese Gedichte auchwirklich in dieser Form vorgetragen worden, sind es Predigten gewesenvor einer lauschenden Menge? Die Verse Erinn. 435—454 sprechen dagegen:der Dichter gibt den beiden „Liedern" einen besonderen Namen und meintausdrücklich, ,swaz wir von dem töde wellen sagen, daz vindet ir ge-schriben hie bi', er rechnet also auf Leser. Das Priesterleben zudem kanngar nicht für eine öffentliche Predigt bestimmt gewesen sein, denn vor wasfür einem Publikum hätte dieser Stoff als Predigt vorgetragen-werden sollen?Die stilistischen Formen sind der Predigtsprache entnommen, 3 ) wie das über-haupt in der frühmhd. Dichtung üblich war. Die Gedichte waren also zumLesen bestimmt oder zum Vorlesen in einer engeren Gemeinschaft; einigePartien, wie die Erinnerung an den Tod 455 ff., mochten sich auch ganzbesonders zum öffentlichen Vortrag eignen.
Die beiden Gedichte zeugen von theologischen Kenntnissen: Beda(Priesterl. 325), Honorius Aug. und Gerhoch von Reichersperg und vielleicht
*) Heinzel S. 151; Wilmanns S. 61;Kochendörffer S. 199; buochvel Mhd. Wb.II, 2, 492a z. 12. III, 294»; lexer 1, 387.
2 ) Grunewald S. 26.
3 ) Kochendörffer S. 311.